Veröffentlicht am: 12.01.2022

Trotz Pandemie: Wie steht es um die Event Security in Deutschland?

Zum Auftakt der achtunddreißigsten Runde stellen wir die Frage: „Wie sieht das deutsche Sicherheitsgewerbe die Großveranstaltungen hierzulande in Sachen Sicherheit derzeit aufgestellt?“

Im Interview mit

Bernd M. Schäfer · Geschäftsführender Gesellschafter der Atlas Versicherungsmakler für Sicherheits- und Wertdienst GmbH

Dirk Dernbach · Geschäftsführer der SECURITAS Sport & Event GmbH & Co. KG

Michael Metz · langjähriger Experte auf dem Gebiet der Sicherheits-Dienstleistung

Michael Wronker · Vizepräsident des BVMS e.V.

Peter Haller · Geschäftsführender Gesellschafter der All Service Sicherheitsdienste GmbH.

Eine kurze Einleitung

Anfang November gab es mindestens acht Tote, nachdem es in Houston (Texas/USA) bei einem Festival zu einer Massenpanik gekommen war. Eigentlich glaubte man, zumindest in Europa, aus Tragödien wie in Brüssel (1985, Belgien), Hillsborough (1989, Großbritannien), oder Love Parade (2010, Duisburg) gelernt zu haben. Gilt auch hier der Leitspruch des Sicherheitsgewerbes weiterhin, dass es hundertprozentige Sicherheit nicht gibt? Wie sehen Sie die deutschen Großveranstaltungen in Sachen Sicherheit derzeit aufgestellt (mal abgesehen davon, dass die Corona-Pandemie in der nächsten Zeit solche Events wohl kaum zulässt)? Und: Welchen Anteil haben private Sicherheits-Dienstleister daran – ist der derzeitige Personalmangel vielleicht ein kritischer Faktor?


Bernd M. Schäfer

Geschäftsführender Gesellschafter der ATLAS Versicherungsmakler für Sicherheits- und Wertdienste GmbH

„So sind zehn Euro richtig gut investiert“

Natürlich ist es richtig, dass es 100-prozentige Sicherheit nicht geben kann. Dennoch muss es das Ziel sein, die Sicherheit der Besucher von solchen Großveranstaltungen zu gewährleisten.

Am 2. Oktober 2017 wurden bei einem Konzert in Las Vegas 58 Personen von einem Attentäter aus einem Hotelfenster heraus abgeschossen, weitere 489 Personen wurden verletzt. Ich wage die Prognose, dass eine einfache Drohne mit einem Kilo Mehl als Ladung mindestens zum selben Ergebnis geführt hätte, wenn das Mehl über die Besucher verteilt worden wäre. Dagegen etwas zu tun, ist sehr schwierig, da jeder Täter Ort, Zeitpunkt und Art der Tat bestimmt.

Allerdings ist ein solch organisatorisches Fehlverhalten wie bei der Love Parade vermeidbar, und da sollte jeder ansetzen, der sich mit der Organisation befasst. Personalmangel und mangelhafte Ausbildung/Qualifikation des eingesetzten Personals spielen eine Rolle, ja, aber zur Vermeidung eines Desasters wie bei der Love Parade muss vorher angesetzt werden. Der eingesetzte Dienstleister am Ende der Kette muss mit den Gegebenheiten leben, die er vorfindet. Wie diese jedoch aussehen und wie gut die Unternehmen bezahlt werden, bestimmt der Auftraggeber und hier oft direkt oder mittelbar die Gemeinde.

Am Ende des Tages muss dann jeder Teilnehmer bei einer solchen Veranstaltung vielleicht 110 statt 100 Euro für ein Ticket bezahlen. Wenn diese 10 Euro in die Sicherheit investiert werden, dann ist das gut angelegtes Geld.


Dirk Dernbach

Geschäftsführer der Securitas-Gesellschaften innerhalb der Securitas Area West

„Sicherheitskräfte tun alles dafür, dass es nicht zur Katastrophe kommt“

Mein Vorschlag: Die Auflistung noch um die Massenpanik im Nationalstadion in Peru und im Accra Sports Stadium in Ghana ergänzen und ein bisschen googeln – und schon hätten wir einen Beitrag für Sonja Zietlows „Die 10…“ zusammen. Schwieriger wäre es, die Hunderttausenden Veranstaltungen zu nennen, bei denen es die Sicherheitskräfte geschafft haben, dass solche Katastrophen eben nicht passieren. Vielleicht auch deshalb, weil die Sicherheits-Verantwortlichen aus solchen Vorfällen gelernt und daraus Rückschlüsse gezogen haben.

Dennoch ist es sehr schwierig, alle Eventualitäten und Sachverhalte zu berücksichtigen, die bisher noch nie vorgefallen sind. Nehmen wir als Beispiel das Heysel-Stadion in Brüssel. Die Kurz-Kurz-Fassung: Fußballspiel FC Liverpool gegen Juventus Turin: Die gegnerischen Fans bewerfen sich mit Steinen aus der bröckelnden Bausubstanz des Stadions. Die Liverpool-„Fans“ stürmen den Block Z, der für neutrale Gäste geplant war, in dem sich jedoch Turiner Anhänger aufhielten. Die Engländer drängen die Italiener gegen eine Mauer, die einbricht und mehrere Fans unter sich begräbt. 39 Menschen wurde getötet, über 450 verletzt.

Wer war schuld? Die UEFA, die das bekanntermaßen als marode geltende Stadion als Spielstätte freigegeben hatte? Die Polizei, die zur Absicherung des Blocks Z 8 Beamte abstellte? Der Ordnungsdienst, der in besagtem Block überhaupt nicht präsent war? Oder gar das italienische Reisebüro, das Karten, die es von einem korrupten UEFA-Offiziellen erhalten hatte, an Juventus-Anhänger verkaufte, für die der Block Z gar nicht vorgesehen war?

Und da sich immer wieder unvorhersehbare Ereignisse ergeben können oder es leider Gestalten gibt, die bewusst den Tod oder Verletzungen anderer bei Veranstaltungen herbeiführen wollen, wird es nach wie vor keine hundertprozentige Sicherheit geben.

Was aber sicher ist: Die Sicherheitskräfte tun alles dafür, damit so etwas nicht vorkommt. Schon alleine aus eigenem Interesse, sind sie doch immer „in der ersten Reihe“. Allerdings sind die gewerblichen Sicherheitsdienste oftmals gar nicht in die Ausarbeitung eines Sicherheitskonzepts involviert, sondern sind nur ausführendes Organ und setzen das Konzept des Veranstalters um. Aus Kostengründen wird da schon mal auf die Expertise der „Exekutive“ verzichtet.

Ich erinnere mich immer noch schmunzelnd an den Vortrag eines Polizeibeamten, der über seine Erfahrungen während der „Kieler Woche“ berichtete und einem Sicherheitsdienst den Vorwurf machte, dass dieser nicht eine Eingreifreserve vorweisen konnte. Ich nehme an, dass der Veranstalter die auch nicht bestellt hatte und der Dienstleister dies auch nicht als unentgeltliche Ehrenamtsleistung ansah. Hier scheint es einigen Institutionen doch an kaufmännischen Grundsätzen zu mangeln.


Michael Metz

langjähriger Experte auf dem Gebiet der Sicherheits-Dienstleistung

„Je mehr Training, desto mehr Sicherheit“

Nach meiner Meinung befinden sich die Notfallmaßnahmen in einem kontinuierlichen Verbesserungsprozess. Alle negativen Ereignisse aus der Vergangenheit haben die Schwachstellen gezeigt, aber auch signalisiert, wie wichtig ein ordentlich ausgearbeitet Sicherheitskonzept mit entsprechender Entfluchtung, Evakuierung und Entlastungsbereichen ist.

Dieses Sicherheitskonzept jedoch ist nur so gut, wie die entsprechende ernsthafte Umsetzung durch alle eingebundenen Stellen. So ist es notwendig, neue Erkenntnisse zu teilen, an Schulungen teilzunehmen und als Verbund eine gute Einheit in Veranstaltungen zu bilden. Nur in der Gemeinschaft können die richtigen Maßnahmen durchgeführt und entsprechend umgesetzt werden. Im Speziellen betrifft dies Ordnungsbehörden und die dazugehörenden Genehmigungsstellen, Feuerwehren, Polizei, Rettungsdienste, Veranstalter, Sicherheitsdienste und Vieles mehr, die sich im Verbund um die Sicherheit der am Standort befindlichen Personen sorgen. Selbstverständlich findet diese respektvolle Zusammenarbeit bereits in diversen Situationen statt.

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass es seit Jahren spezialisierte Personen/Unternehmen gibt, die sich auf die Schwachstellen in Gebäuden oder Veranstaltungen spezialisiert haben und insbesondere Beratungen in Hinsicht auf potenzielle Engstellen („Flaschenhälse“) durchführen.

Die genannten Erkenntnisse und Maßnahmen sind jedoch nur so gut, wie das am Standort eingesetzte Personal jeder eingebundenen Organisation. Auch hier gilt es, zu sensibilisieren und auf die entsprechenden Situationen zu schulen. Je häufiger man diese Maßnahmen trainiert, desto sicherer ist die einzelne Person in der Ausnahmesituation.


Michael Wronker

Vizepräsident des Bundesverbands mittelständischer Sicherheitsunternehmen e. V. (BVMS)

„Man muss eine Veranstaltung lesen können“

Hundertprozentige Sicherheit gibt es bekanntlich nicht. Das ist so, und so wird auch immer bleiben, sowohl bei Veranstaltungen als auch irgendwo anders im Leben. Tragödien wie in Houston, Hillsborough oder Duisburg können nicht vermieden werden, weil der Faktor Mensch unberechenbar beziehungsweise gegebenenfalls unbeherrschbar ist.

Natürlich kann man Vorkehrungen treffen. Crowd-Management kann einiges verhindern, aber niemals alle Gefahren nehmen. Sicherheits-Dienstleister mit diesem Betätigungsfeld sind klug beraten, entsprechende Schulungen zu besuchen. Es gibt diverse empfehlenswerte Anbieter, aber leider auch viele Menschen, denen die Notwendigkeit derartiger Schulungen nicht bewusst ist oder die sie für nicht für nicht erforderlich halten, weil ja so wenig passiert. Dass so wenig passiert, ist eigentlich häufig ein Glücksfall.

Das Thema Großveranstaltungen kommt in den Grundqualifikationen der Sicherheitsbranche eher rudimentär vor. Im Rahmenstoffplan der Sachkundeprüfung sind zwar entsprechende Kenntnisse vorgesehen, aber als Prüfer habe ich noch nicht erlebt, dass diese auch abgefragt wurden. Selbst wenn es so wäre, wären es immer noch nur theoretische Kenntnisse, obwohl die Sachkundeprüfung dazu berechtigt, Bewachungen von zugangsgeschützten Großveranstaltungen in leitender Funktion wahrzunehmen.

Ich möchte hier aber keinesfalls den Eindruck erwecken, dass der Besuch von Großveranstaltungen aufgrund fehlender Ausbildung unsicher ist. Es gibt auch hervorragend ausgebildete Mitarbeiter, die einen Blick für das Wesentliche haben. Ich sagte zu meinen Mitarbeitern immer: „Man muss eine Veranstaltung lesen können.“ Mit Vorbereitungen und den richtigen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern kann man sehr viel für eine sichere Veranstaltung tun. Viele Unternehmen haben aber durchaus Probleme, die qualifizierten Mitarbeiter/innen zu halten, da diese sich coronabedingt andere, sicherere Möglichkeiten des Zuverdienstes suchen. Ob man bereits anderweitig Beschäftigte nach der coronabedingten Krise wieder zurückholen kann, wage ich bis auf Einzelfälle zu bezweifeln.


Peter Haller

Geschäftsführender Gesellschafter der All Service Sicherheitsdienste GmbH

„Nicht auf die leichte Schulter nehmen“

Event-Security gehört nicht zu den originären Geschäftsfeldern von All Service. Deshalb kann und will ich mich hier nicht mit fremden Federn schmücken. Was ich aber – auch in Anbetracht der Tatsache, dass es immer wieder zu schweren Sicherheitsvorkommnissen in der Veranstaltungsbranche kommt – tun kann: An Veranstalter zu appellieren, das Thema Sicherheit nicht auf die leichte Schulter zu nehmen und sich nicht nur am Preis zu orientieren. Denn eines steht fest: Es kommt nicht oft zu Katastrophenszenarien. Aber wenn, dann werden weder Veranstalter noch Sicherheits-Dienstleister jemals ihres Lebens wieder froh – von den Opfern und ihren Angehörigen ganz zu schweigen.

Es ist nicht einfach damit getan, dass ein paar Tage vor einer Veranstaltung „halt“ ein Sicherheitsdienst beauftragt wird. Das Sicherheitsunternehmen muss bereits bei der Planung mit einbezogen werden. Besonders wichtig ist die kontinuierliche Kommunikation zwischen Veranstalter, örtlicher Polizei, Feuerwehr sowie medizinischen Diensten.

Ob und wann Großveranstaltungen wieder wie früher stattfinden können, wird sich zeigen. Zusätzlich zu den Sicherheitskonzepten werden wohl künftig Hygienekonzepte dazugehören.

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