Veröffentlicht am: 18.11.2020

Wirtschaftliche Folgen des zweiten Lockdowns für die Event-Brache

Zum Auftakt der siebenundzwanzigsten Runde stellen wir die Frage: „Wie muss man sich in betroffenen Geschäftsbereichen das Szenario eines „Neuanfangs“ nach dem zweiten Lockdown konkret vorstellen?“

Im Interview mit

Michael Wronker · Vizepräsident des BVMS e.V.,

Michael Metz · Betriebsleiter Security (Bereich Süd) der ISS Communication Service GmbH,

Marcus Karallus · Leiter des Akademiebetriebs der Power Akademie GmbH,

Dirk Dernbach · Geschäftsführer der SECURITAS Sport & Event GmbH & Co. KG,

Bernd M. Schäfer · Geschäftsführender Gesellschafter der Atlas Versicherungsmakler für Sicherheits- und Wertdienst GmbH.

Eine kurze Einleitung

Manchmal muss man Fakten ins Verhältnis setzen, um ihre Bedeutung zu verstehen: Die deutsche Veranstaltungswirtschaft hat 2019 fast ebenso viel Umsatz gemacht wie die Bauindustrie, nämlich rund 130 Milliarden Euro. Doch in der Corona-Pandemie hat die Politik für die Event-Branche nicht viel mehr als warme Worte übrig. Der zweite Lockdown versetzt Vielen den Todesstoß – von den auf Event-Security spezialisierten Dienstleistern ganz zu schweigen.

Dieser Geschäftszweig des Sicherheitsgewerbes ist praktisch zerstört. Wann der ernsthafte Aufbau wieder beginnen könnte, steht in den Sternen. Selbst wenn im Laufe des nächsten oder übernächsten Jahres die Dienste der Veranstaltungsschützer wieder gebraucht werden, so ist doch die materielle wie personelle Infrastruktur weitgehend am Boden: Viele spezialisierte Firmen sind pleite, Fachkräfte haben sich anderweitig orientiert, Kontakte zu Ansprechpartnern müssen neu aufgebaut werden, Marktanteile sind durcheinandergewirbelt. Nicht anders sieht es beispielsweise in den Marktsegmenten Messebewachung und Aviation Security aus.

Wie muss man sich in diesen Geschäftsbereichen das Szenario eines „Neuanfangs“ konkret vorstellen? Und welche Forderungen erheben Sie in diesem Zusammenhang an die Politik?

Michael Wronker

Vizepräsident des BVMS e.V.

„Wer überleben wird, bleibt abzuwarten“

Meines Erachtens lässt die Politik viele Unternehmer nicht nur aus der Sicherheits- oder Veranstaltungsbranche im Stich. Allein die unzähligen Soloselbstständigen und Freiberufler, die keine laufenden Kosten haben, werden von der Politik gar nicht wahrgenommen. So wird es wahrscheinlich spätestens im nächsten Jahr diverse Insolvenzen geben. Viele Sicherheitsunternehmen, die bisher als Spezialisten in der Bewachung von Veranstaltungen aufgetreten sind, haben schon andere Betätigungsfelder gefunden.

Das Wissen ist aber weiterhin vorhanden, um es dann bei einer Normalisierung der Lage wieder anzuwenden. Die Frage ist, ob die Mitarbeiter/innen dann noch zur Verfügung stehen. Viele Unternehmen haben sich bei der Bewachung von Veranstaltungen auf geringfügig Beschäftigte verlassen. Es besteht die Gefahr, dass sich die Mitarbeiter/innen zwischenzeitlich andere Beschäftigungen gesucht haben, weil auch ihnen das Geld fehlt.

Es gibt aber auch die vielen Firmen, die sich nur als Subunternehmen anbieten. Diese Firmen leben fast ausschließlich von Veranstaltungen. Auch wenn das in Teilen zumindest kritikwürdig ist, gehören sie natürlich genauso zur Branche. Ob sie überleben, bleibt abzuwarten. Ein Neuanfang wird auf jeden Fall nicht einfach, wenn die Politik sich nicht langsam auch auf die Unternehmen der Bewachungs- und Eventbranche konzentriert.

Michael Metz

Betriebsleiter Security (Bereich Süd) der ISS Communication Service GmbH, Düsseldorf

„Unseriöse Anbieter werden Marktanteile gewinnen“

Die Sicherheitsbranche ist geprägt von unerwarteten Herausforderungen. Diese ergeben sich durch regionale oder aktuelle situationsbedingte Faktoren, die Flexibilität erfordern. Beispielsweise kam es bei der Bewachung von Flüchtlingsunterkünften zu einer enormen Steigerung des Bedarfs an Sicherheitspersonal. Die Erfahrung lehrt: Bei solchen Bedarfsspritzen („Peaks“) erhalten auch Newcomer mit geringer Erfahrung und Expertise leicht Zugang zur Geschäftstätigkeit. Darunter können sich leicht die so genannten „schwarzen Schafe“ befinden, die dann die Sicherheitsbranche in Verruf bringen können (Beispiel: rechtsradikale Gesinnung).

Dieses Szenario kann sich auch in der Event-Branche entwickeln, sofern diese wiederaufgebaut werden muss. Denn dann haben bereits gut qualifizierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieses Branchensegment verlassen, und neue, unerfahrene Unternehmen drängen auf den Markt. Erfolgreiche Unternehmen, die sich auf die Event-Absicherung spezialisiert haben, werden dann bedauerlicherweise den Markt verlassen. Der Markt wird dann wieder unseriösen Anbietern Freiraum für ihre Aktivitäten bieten.

Insbesondere das Bewachungsregister ist für den enormen Bedarf an neuen Mitarbeitern „noch“ nicht ausgelegt und wird an seine Grenzen stoßen, da die Bearbeitung und somit die offizielle Freigabe der Mitarbeiter nur verspätet erfolgen kann. In der Aviation Security, die eng und abgestimmt mit den staatlichen Sicherheitsbehörden die Luftfahrtsicherheit und gewährleistet, liegt die Problematik in der raschen Rekrutierung des qualifizierten und ausgebildeten Personals. Hier ist im Gegensatz zur Event-Branche ein höherer Qualifizierungs- und Ausbildungsstandard vorgegeben beziehungsweise gefordert und auch dementsprechende Entlohnung (Tariflöhne) festgesetzt. Ob die Luftfahrtbranche wieder in gleicher Stärke aus der Krise zurückkehrt, ist momentan nicht absehbar. Es kann dazu führen, dass das derzeitige Personal sich anderweitig auf dem Arbeitsmarkt orientieren wird.

Meine Forderung ist eher eine Bitte: ein offenes Ohr und Lösungswillen für alle Branchen, die es schwer getroffen hat; Schaffung von Stellen zur Bearbeitung dieser „Notfälle“ sowie das Entwickeln von individuellen Lösungen, um nicht nur einseitig zu helfen.

Marcus Karallus

Leiter Akademiebetrieb der Power Akademie GmbH

„Der ‚Reset‘ ist eine einmalige Gelegenheit“

Die Event-Security-Anbieter werden, wie viele andere Wirtschaftszweige auch, wie Phönix aus der Asche steigen. Eigentlich bietet ein „Reset“, wie es die jetzige Situation notwendig macht, die einmalige Gelegenheit, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass dem Recht, etwa der Gewerbeordnung, Genüge getan wird. So sollten sich bei wieder ansteigender Nachfrage auch wieder Anbieter und Mitarbeiter finden lassen, die die anstehenden Verträge für Sicherheits-Dienstleistungen und die damit verbundenen Aufgaben gemäß der Gesetzeslage erfüllen werden.

Für die Politik stellt sich nur die Frage, ob sie genügend Mittel für die Überprüfung der Betriebe und Mitarbeiter zu Verfügung stellen wird, um den Schutz der Veranstaltungsbesucher auch sicherzustellen. So sollte eine Sicherheitsüberprüfung aller Mitarbeiter im Veranstaltungsschutz gewährleistet werden, damit sich nicht zum Beispiel verfassungsfeindlich gesinnte Gruppen etablieren.

Kein Bewacher muss so flexibel und agil von jeher auf veränderte Marktsituationen reagieren wie diejenigen, die dem Veranstaltungsgewerbe ihre Dienste anbieten. Dies liegt in der Natur der Sache durch die unzähligen Arten von Veranstaltungen und dementsprechend unterschiedlichen Tätigkeiten. Schon im Recruiting macht es einen erheblichen Unterschied, ob man Personal für die Kfz-Einweisung auf einem Stadionparkplatz sucht oder für die Begleitung hochkarätiger Persönlichkeiten im Zuge der Veranstaltung.

Diese schon fast native Flexibilität sowie der Reiz für viele, in der Veranstaltungssicherheit tätig zu sein, wird die Wiederbelebung der Veranstaltungs- und Erlebniskultur in Deutschland ohne große Schwierigkeiten begleiten. Es bleibt zu hoffen, dass die Anbieterpalette zu Gunsten des Wettbewerbs und der Marktentwicklung breit bleibt, wobei mit einer erheblichen Konsolidierung zu rechnen ist.

Dirk Dernbach

Dirk Dernbach

Geschäftsführer der SECURITAS Sport & Event GmbH & Co. KG

„Es zehrt an den Nerven“

Unterhalten wir uns, ausnahmsweise in diesen Tagen, mal über Corona. Von einem Neuanfang will ich gar nicht sprechen. Es klingt irgendwie besser, wenn man sagt, dass unsere Branche irgendwann aus dem Dornröschenschlaf geholt wird. Wann immer das auch sein mag und einige auch nicht mehr zu erwecken sein werden. Denn für viele wird es keinen Neuanfang geben, da sie ihr Geschäft aufgeben mussten.

Einen Neuanfang und somit Hoffnungsschimmer hatte es bei Fußballspielen gegeben. Wenn auch nur kurzzeitig. Da wurde der Ball wieder getreten und bisweilen sogar geköpft. Also Zustände wie im Mittelalter. Neben den steigenden Inzidenzzahlen vielleicht ein Grund, weshalb man wieder auf Geisterspiele umstellte. Zur Überraschung aller spielt aber weder Hui Buh, geschwiege denn jemand aus Canterville. Und auch Casper beendete seine Karriere bereits 2014 bei Bayer 04.

Sie entschuldigen meinen Sarkasmus, aber die Situation, insbesondere ihre Dauer und diese Unsicherheit, ob, wann und wenn ja, wie es wieder geschäftlich aufwärts geht, zehrt an den Nerven. Da man nicht weiß, wann es sich für die Event-Branche und ihre Anhängsel wieder „normalisiert“, ist es auch schwierig, den Neuanfang zu beschreiben. Natürlich sind viele unserer Mitarbeiter abgewandert und haben sich neue Jobs gesucht, insbesondere unsere 450-Euro-Kräfte, die den Großteil der Beschäftigten im Event-Bereich ausmachen. Deshalb schmerzt auch zuweilen das Unverständnis für diese Situation seitens der Kunden, die tatsächlich erwarten, dass man innerhalb kürzester Zeit wieder zur alten Personalstärke aufläuft, sollte denn eine Veranstaltung stattfinden.

Aber was haben wir nicht schon alles „überlebt“: Schweinepest, Vogelgrippe, Anthrax, Terroranschläge… Und auch von diesen Viren werden wir uns nicht unterkriegen lassen. Forderungen an die Politik? Bezeichnet Politik nicht die Regelung der Angelegenheiten eines Gemeinwesens durch verbindliche Entscheidungen? Ich will unsere Branche da nicht priorisieren, da viele Branchen vor ähnlichen Herausforderungen stehen.

Bernd Schäfer

Bernd M. Schäfer

Geschäftsführender Gesellschafter der Atlas Versicherungsmakler für Sicherheits- und Wertdienst GmbH

„Mitarbeiter für die Event-Branche kommen nur bei besserer Bezahlung zurück“

Die Abwanderung der qualifizierten Arbeitskräfte in andere Branchen wird kurzfristig nicht aufzuhalten sein. Erst einmal woanders angekommen, wird es schwierig sein, diese Mitarbeiter wieder zurückzugewinnen. Da kurzfristig nicht das insgesamt schlechte Image der Branche geändert werden kann, geht dies nur über die Bezahlung. Es ist daher sinnvoll, dass es eine deutliche Anhebung der anwendbaren Tarife gibt, die es erheblich attraktiver machen, in diesen Segmenten zu arbeiten. Wenn dies dazu führt, dass auch andere Tarife in der Sicherheitswirtschaft angehoben werden, dann ist der erste große Schritt zur Steigerung der Attraktivität getan.

Als flankierende Maßnahmen dazu sollte festgelegt werden, dass kein öffentlicher Auftrag nach dem Bestbieterprinzip vergeben werden darf, bei dem der Anteil des Preises bei mehr als 50 Prozent liegt. Bei diesen Aufträgen sollte zudem generell der Einsatz von Subunternehmern untersagt werden. Der Gesetzgeber muss zudem dafür Sorge tragen, dass die Vorgaben zum Mindestversicherungsschutz für Bewachungsunternehmen nach § 14 BewachV auf das Niveau der DIN 77200-1 angehoben wird. Diese Maßnahme beseitigt wenigstens in diesem Bereich die Ungleichheit zwischen Billiganbietern und serösen Unternehmen, die schon heute diesen Standard erfüllen. Wichtig ist es ebenfalls, dass die Ordnungsämter personell ausreichend ausgestattet und die einzelnen Mitarbeiter ausreichend qualifiziert werden, damit auch hier die unqualifizierten Unternehmen ausgesiebt werden.

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