Veröffentlicht am: 24.08.2018

Raphael aus der Wiesche

Raphael aus der Wiesche ist am 18.07.1997 in Neu-Ulm geboren. 2016 hat er erfolgreich sein Abitur abgeschlossen und im selben Jahr mit dem Studium der Rechtswissenschaften an der Friedrich-Wilhelms – Universität in Bonn begonnen.
Seit 2017 lebt und studiert er in Berlin.
In seinem Studium interessiert er sich besonders für das allgemeine Sicherheits- und Ordnungsrecht.

Interkulturelle Kompetenz bei der Bewachung von Flüchtlingsunterkünften

Im Zuge des Flüchtlingsstroms ist die interkulturelle Kompetenz in einigen Bereichen zur Schlüsselqualifikation im Bewachungsgewerbe aufgestiegen. Um die Sicherheit in Flüchtlingsunterkünften zu gewährleisten, wird von den Beschäftigten emotionale Kompetenz und interkulturelle Sensibilität vorausgesetzt. Interkulturell kompetentes Personal entwickelt ein Verständnis für andere Kulturen und achtet auf seine verbale und nonverbale Kommunikation (Gestik, Mimik).

Aneignung interkultureller Kompetenzen

Das Verständnis zu anderen Kulturen setzt aufmerksames Zuhören und Beobachten voraus. Speziell für Tätigkeiten in der Sicherheit bieten einige Ausbildungsbetriebe und Sicherheitsverbände Schulungen an. In den Schulungen können Qualifikationen zum Umgang mit Geflüchteten, speziell aus islamischen Ländern, erworben werden. Um interkulturelle Kompetenzen zu erwerben, muss zunächst die eigene Kultur reflektiert werden. Das Personal muss sich eigene Werte, Verhaltens- und Denkweisen vergegenwärtigen, damit Unterschiede zu anderen Kulturellen festgestellt werden können. Besonderes Augenmerk ist auf die Kommunikation zu legen. Neben sprachlichen Barrieren (siehe unten) sind missverstandene Gesten Auslöser von Konflikten. Während bestimmte Handzeichen mancherorts mit wohlwollendem Lob in Verbindung gebracht werden, wird dies in anderen Ländern als vulgäre Beleidigung verstanden. Zum Beispiel die Faust mit nach oben gestrecktem Daumen. Was hierorts „eins“ oder „OK“ signalisiert, gilt in afrikanischen Staaten wie Nigeria als Beschimpfung, mit der man jemanden los werden möchte. Im arabischen Raum wird die Geste als Einladung zu sexuellen Handlungen aufgefasst.

 

Sprachliche Barrieren

Bereits auf der sprachlichen Ebene gibt es Besonderheiten zu beachten. Häufig sind Konflikte nicht auf Fehlverhalten, sondern auf Verständigungsprobleme zurückzuführen. Die meisten der Zugereisten stammen aus dem arabischen, persischen oder nordafrikanischen Raum. Die Flüchtlinge haben oftmals keine schulische Bildung vorzuweisen und beherrschen nicht die englische oder deutsche Sprache. Verständigungsprobleme können eingegrenzt werden, indem anerkannte Flüchtlinge, die eine Gemeinschaftsunterkunft durchlaufen haben und einen gesicherten Aufenthaltsstatus besitzen, als Multiplikator eingesetzt werden. Flüchtlinge mit längerem Aufenthalt besitzen in der Regel bereits einige Deutschkenntnisse. Sie können als Vermittlungsperson dienen und Anweisungen der Sicherheitskräfte übersetzen. Grundsätzlich werden Bewachungskräfte, die der arabischen oder persischen Sprache mächtig sind, bevorzugt eingesetzt. Daher suchen Behörden gezielt nach Sicherheitspersonal mit Migrationserfahrung zur Bewachung der Unterkünfte.

 

Sozialverhalten vor Ort

Überbelegung, mangelnde Privatsphäre und fehlende sanitäre Einrichtungen führen zu gewalttätigem Verhalten unter den Flüchtlingen und gegenüber den Sicherheitskräften. In Extremfällen kam es in der Vergangenheit zu Massenschlägereien, an denen über Hundert Flüchtlinge beteiligt waren. Die Asylzahlen haben in den letzten Jahren stark geschwankt. Im Jahr 2016 war die Rekordzahl von 746.000 Asylanträgen zu verzeichnen, was erhebliche Kapazitätsprobleme verursachte. Im Folgejahr beschränkte sich die Zahl auf lediglich 130.000 Anträge. Insgesamt wird das Verhältnis zwischen Asylsuchenden und Wachleuten als angespannt betrachtet. Die Frustration wegen der schwierigen Lebensbedingungen und unklaren Zukunftsaussichten löst Wut aus. Zwar wären Präventivmaßnahmen hier wünschenswert, die jedoch nicht von einem einzelnen Mitarbeiter umgesetzt werden können. Das frühzeitige Erkennen und Bearbeiten von Konflikten lässt sich jedoch mit Kenntnis bestimmter Verhaltensweisen der Flüchtlinge bewerkstelligen. Regelmäßige Nachbesprechungen eigenen sich dazu, wiederkehrende Muster und gruppendynamisches Verhalten zu erkennen. Im Extremfall helfen entschiedenes Eingreifen und Deeskalationsmaßnahmen.

Insbesondere beim Umgang mit Frauen sind einige Aspekte zu beachten. Streng muslimische Frauen geben einem fremden Mann oftmals nicht die Hand und schauen ihm auch bei einem Gespräch nicht in die Augen. Während in den Erstaufnahmeeinrichtungen beide Geschlechter in den gleichen Räumen untergebracht werden, wird in den Folgeunterkünften differenziert. Die Unterbringung in gemischten Schlafsälen ist ein Tabu für Angehörige arabischer Länder und wird als Einladung zur Unsittlichkeit betrachtet.  In Erstaufnahmelagern ist die Sicherheit folglich besonders angespannt. Alleinstehende  Mütter und Kinder sind von den Auseinandersetzungen erheblich gefährdet. Das Wachpersonal muss verstärkt auf dessen Unversehrtheit achten.

Neben Versorgungsengpässen stellen gesellschaftliche Spannungen, die aus den Herkunftsländern in die Bundesrepublik transportiert werden, eine Gefahr für das friedliche Zusammenleben dar. Vor allem die Religionszugehörigkeit ist Anlass für Spannungen. Die Sicherheitskräfte sollten im Rahmen ihrer Möglichkeiten besonders auf das Verhalten unter Muslimen und Christen schauen. Allerdings gibt es auch unter den Muslimen stark verfeindete Strömungen. Sunnitische Gruppen stehen teilweise seit über 1300 Jahren im Konflikt mit Schiiten. Aus westlicher Sicht erscheinen die Unterschiede zwischen diesen Strömungen als nur sehr geringfügig. Die Angehörigen betrachten sich jedoch gegenseitig als Ketzer und konkurrieren um die Vorherrschaft im Nahen Osten. Es erfordert viel Aufmerksamkeit, die Gruppen anhand ihrer Verhaltensweisen voneinander unterscheiden zu können. Das Wachpersonal muss durch selbstbewusstes und bestimmtes Auftreten dafür sorgen, dass Hausregeln akzeptiert und die Gruppen friedlich nebeneinander leben. Auf der einen Seite erfordert interkulturelle Kompetenz zwar Respekt und Verständnis. Gleichwohl darf dies auf der anderen Seite aber nicht zu Toleranz falschen Sozialverhaltens führen.

 

Zugangskontrolle

Immer häufiger werden Flüchtlingsunterkünfte durch umfangreiche Baumaßnahmen gesichert. In Köln wurde eine Erstaufnahmestelle mit einem Drehkreuz, einer Schleuse und einem Wärterhäuschen ausgestattet. Die Stadtverwaltung reagierte damit auf regelmäßiges Eindringen unberechtigter Personen. Problematisch sind Taschendiebstähle und sogenannte „Fremdschläfer“. Also unberechtigte Dritte, die – ohne einen Flüchtlingsstatus zu besitzen – bereitgestellte Ressourcen ausnutzen. Gleichzeitig sind Zugangskontrollen notwendig, um eingeführte Güter zu kontrollieren. Nachdem es alkoholbedingt zu Ausschreitungen gekommen ist, herrscht in einigen Unterkünften ein striktes Alkoholverbot. Im Schnitt leben mehrere Hundert Personen in einer Unterkunft. Das Wachpersonal kennt die Asylbewerber in der Regel nicht persönlich, da sie häufig umziehen und in anderen Flüchtlingslagern untergebracht werden. Bei einer Fluktuation von mehreren Tausend Menschen, die pro Jahr ein- und ausziehen, kann nicht nur „nach Gefühl“ durch eine Sichtkontrolle zwischen Berechtigten und Unberechtigten unterschieden werden. In größeren Unterkünften werden deshalb Bewohner- und Besucherausweise erstellt. Auf den Ausweisen sind mindestens ein Foto, der Name und das Einzugsdatum enthalten. Die Ausweise werden vom Sicherheitspersonal an Eingangsbereichen wie Drehkreuzanlagen kontrolliert.

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