Veröffentlicht am: 20.07.2022

Der 44-jährige Tom Meyer ist Geschäftsführer der MUT ZUR EXZELLENZ
Tom Meyer International Associates GmbH in Osnabrück. Von 1997 bis 2002 war er als Bundespolizist Beamter für besondere Verwendungen. Heute berät er mit seinem Team Unternehmen und (Sicherheits-)Behörden unter anderem im Risiko-, Sicherheits-, Notfall- und Krisenmanagement sowie Compliance, Datenschutz und Personenschutz.

„Das Sicherheitsgewerbe hat nur dann eine rosige Zukunft, wenn es professioneller wird“

Tom Meyer über Ausbildung und Karrierechancen, die mangelnde Qualität von Sicherheitsschulen und Dozenten und warum zufriedene Schüler eine Investition in die Kunden von morgen sind

Marktplatz Sicherheit: Herr Meyer, der BDWS hat…

Tom Meyer: Hören Sie auf! Zu den Verbänden in unserer Branche sage ich nichts. Das wäre verlorene Zeit. Dafür bin ich zu unternehmerisch ausgerichtet. Wenn Sie bei den Verbänden Aufwand – vor allem verbalen – gegen Ertrag setzen, steht ein dickes Minus unterm Strich.

Ich wollte auf das Sicherheitsdienstleistungsgesetz zu sprechen kommen.
Also war doch meine Antwort goldrichtig. Der BDWS bejubelt ein Gesetz, das einschränkt, was nicht eingeschränkt gehört, und regelt, was nicht geregelt gehört – nur weil die Branche unfähig ist, die wichtigen Dinge selbst in den Griff zu bekommen: Das Bewacherregister – funktioniert nicht. Tarifpolitik – funktioniert nicht. Das Fundament der Marktwirtschaft – Eignung, Leistung, Befähigung, Bezahlung – funktioniert nicht. Was für ein Bild gibt ein Arbeitgeberverband ab, der deshalb den Staat zu Hilfe rufen muss. Dabei gibt es so viele Baustellen, um die sich die Branche kümmern könnte, wenn sie nur wollte, beispielsweise die Einführung einer eigenen Berufsgenossenschaft, die Neuordnung von Prüfungskommissionen oder die Modernisierung von Sicherheitsschulungen.

Was kritisieren Sie an der Ausbildung von Sicherheits-Mitarbeitern an den einschlägigen Schulen in Deutschland?
Auch das hat mit Aufwand und Ertrag zu tun, außerdem – wie bei der Entlohnung von Sicherheitskräften – mit Geld. Die Entgeltsätze für die Schulen sind zu niedrig, insbesondere bei den Fördermaßnahmen. Damit lassen sich keine großen Sprünge machen. Besonders schlimm: Auswahl und Qualität der Dozenten sind zum großen Teil schlecht. Das kann nicht überraschen, denn der Zusammenhang zwischen Leistung und Bezahlung gilt natürlich auch für Lehrkräfte.

Woran machen Sie die mangelnde Qualität der Schulen fest?
Das ist eine logische Konsequenz, bei der im Übrigen keine Veränderungsbestrebungen der Verbände zu erkennen sind. Für die Sicherheitsschulungen gibt es keine echte und belastbare Zertifizierung in Sachen Qualität. Außerdem gibt es keine allgemeingültigen Leitfäden zur Ausbildung und Unterrichtungsabläufe. Stattdessen gibt es viel geduldiges Papier und Verweise auf YouTube-Videos. Am Ende stehen Prüfungen, bei denen man entweder kaum durchfallen kann oder, als Gegenstück zu der fehlenden Kontrolle der Schulen durch die zuständigen Behörden, man ist der Willkür einer nicht immer so ganz fachkompetenten Prüfungskommission ausgeliefert. Und das sind dann die Sicherheitskräfte, die wir alle täglich erleben und von denen wir in der Zeitung lesen.

Sie lassen wirklich kein gutes Haar an den Schulen.
Ich würde ja gerne, aber woher sollen die Schulen es denn nehmen? Doch, eines gibt es: die großen Sicherheits-Dienstleister mit eigenen Schulungsinstitutionen. Die behelfen sich mit Quersubventionierung und liefern in der Regel eine gute Ausbildung.

Sie selbst betreiben doch auch eine Sicherheitsschule mit – wie ich vermute – hohem Qualitätsanspruch. Was machen Sie anders?
Ich unterrichte beispielsweise meine Schüler selbst statt sie bei YouTube zu parken. Ich erkläre und diskutiere schwierige Inhalte und biete Beispiele aus meiner betrieblichen Sicherheitspraxis. Wenn ich etwas behaupte, kann ich das belegen. Zum Teil nehme ich Schüler zu meinen Kunden mit, damit sie in ihren Köpfen Theorie und Praxis verknüpfen können. Und die Schüler merken, dass ich sie nicht verkohle. Zudem habe ich nur wenige Schüler mit Bildungsgutscheinen, und das hat sehr viele gute Gründe.

Für Ihre Schule gelten aber doch auch die niedrigen Entgeltsätzen.
Naja, wahrscheinlich steht bei mir nicht nur die Motivation dahinter, staatliche Gelder abzugreifen, sondern tatsächlich auch persönliches Engagement und einfach Spaß daran, die Branche mit guten Sicherheitskräften zu versorgen. Wissen Sie, so viel kostet es nun auch nicht, für die Schulung ein bisschen in Technik zu investieren, beispielsweise eine Einbruchmelde- oder Videoüberwachungsanlage für den Unterricht bereitzuhalten. Man glaubt es kaum, aber das ist kein Standard an den deutschen Sicherheitsschulen. Die sagen ihren Schülern: Geht zu YouTube, da findet ihr genügend Beispiele. Ich habe darüber hinaus den Vorteil, dass ich mein Geld nicht mit der Unterrichtung verdiene, sondern mit den Kunden aus meinem Sicherheitsgeschäft. Mit jedem erfolgreichen und zufriedenen Schüler investiere ich in die Kundschaft von morgen. Mit vielen halte ich Kontakt, als Sicherheits-Verantwortliche in Konzernen oder Führungskräfte bei Dienstleistern rufen sie mich dann irgendwann einmal an, um meine Meinung zu erfragen. Daraus hat sich so manches Geschäft ergeben.

Sie selbst kommen aus der Polizei, die sie wegen einer Schussverletzung nach acht Jahren wieder verlassen mussten. Oft heißt es, dass die Zeiten der ehemaligen Angehörigen von Polizei und Bundeswehr als Sicherheitsberater und Corporate-Security-Kräfte vorbei seien und „smarte“, akademisch gebildete Sicherheits-Manager den Ton angeben.
So einfach ist der Sachverhalt nicht. Es kommt im Wesentlich darauf an, wie die Ausbildung und Erfahrung des Einzelnen aussieht. Ja, das Sicherheits-Management-Studium an einer der etablierten (Fach-)Hochschulen ist sicherlich kein schlechter Anfang für die Karriere in unserer Branche, die im Übrigen gar nicht so viele Arbeitsplätze bereithält wie es Studienplätze gibt. Aber mit dem Studium allein ist es nicht getan. Wer dann nicht praktische Erfahrungen in der Sicherheitsabteilung eines Konzerns sammelt, vielleicht gar zusätzliche Ausbildungen in viel sicherheitsaffinieren Ländern wie den USA oder Israel absolviert, der wird es kaum schaffen, zum akzeptierten Ansprechpartner in Sachen Sicherheit zu werden. Umgekehrt bedeutet Berufspraxis in Polizei und Bundeswehr nicht automatisch, dass man für die private Sicherheit qualifiziert ist. Um ein Beispiel zu nennen: Einen Polizeibeamten mit zwölf Jahren Erfahrung in einem Sondereinsatzkommando – also einem sehr geschlossenen, exklusiven Tätigkeitsfeld – kann ich nur dann gebrauchen, wenn er sich auch im Zivilleben mit gesundem Menschenverstand behauptet und insgesamt interdisziplinär aufgestellt ist.

Über Interdisziplinarität kann man sich bei Ihnen sicherlich nicht beschweren. Die Liste Ihrer Aus-, Fort- und Weiterbildung auf Ihrer Website kann durchaus dahingehend demotivieren, dass man als junge Sicherheitskraft zu sich selbst sagt: Dass schaff‘ ich nie.
Naja, Vieles davon gehörte tatsächlich zur Aus- und Fortbildung in meiner Zeit als Polizeibeamter, nicht zuletzt als Angehöriger der Spezialeinheit GSG 9. Das kann man nicht als Mindestanforderungskatalog lesen. Aber für den Erfolg ist auch in der privaten Sicherheit ein bisschen mehr als nur der Durchschnitt erforderlich.

Mal abgesehen davon, dass auch die Sicherheitsverbände, geschweige denn viele ihrer Mitglieder den Zusammenhang von Leistung und Entlohnung nicht kennen, finde ich Ihre Feststellung besonders interessant, dass Kenntnisse der Wirtschaftswissenschaften massiv sicherheitsrelevant sind. Wie das?
Weil Geld ein massiver Einflussfaktor ist, was das Verhalten von Menschen angeht. Der Mensch stellt so allerhand an, um an Geld zu kommen. Und wenn er genug oder gar zu viel davon hat, stellt er allerhand an, das großen Einfluss auf die Gesellschaft hat – nicht selten mit negativen Folgen. Hinzu kommt der wachsende Einfluss von Nichtregierungsorganisationen, deren Ziele zwar oft legitim, deren Mittel es aber immer öfter nicht mehr sind, von der demokratischen Legitimierung ganz zu schweigen. Es wird – auch ohne Russlands Krieg gegen die Ukraine – unruhiger in Europa werden. Auch deshalb, weil die Politik die Menschen für dumm hält und diese infolge dessen immer substanzloser, orientierungsloser, aggressiver und verängstigter werden. Was daraus folgt, ist schlimm für die Gesellschaft, aber – ich sage es im vollen Bewusstsein des schalen Beigeschmacks – unserer Branche förderlich. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass das Sicherheitsgewerbe endlich professioneller wird. Ich habe da so meine Zweifel, dass das auf absehbare Zeit gelingt.