Veröffentlicht am: 14.09.2022

Als Nachfolger von Klaus Bouillon ist Lars Müller seit dem 29. April 2022 Präsident des Bundesverbands mittelständischer Sicherheitsunternehmen e. V. (BVMS), den er einst selbst mitgegründet hat. „Marktplatz Sicherheit“ hat ihn zu Status, Zielen und Perspektiven befragt.

„Der Sicherheitsmittelstand muss die Position bekommen, die er verdient“

BVMS-Präsident Lars Müller über Fachkräftemangel, Image der Branche, Sicherheitsdienstleistungsgesetz und seine Pläne für die nächsten drei Jahre.

 

Herr Müller, wie haben Sie die Sicherheitsbranche bei Ihrem Amtsantritt vorgefunden?
Ich sehe das Sicherheitsgewerbe als unterschätzte Branche. Menschen sehnen sich nach Sicherheit und dennoch sind Auftraggeber oftmals nicht bereit, für entsprechende Qualität einen angemessenen Preis zu bezahlen. Es handelt sich um eine Branche mit großem Potenzial, die manchmal Chancen zur Digitalisierung oder den Einfluss von technischem Know-how nicht nutzt. Gleichzeitig sind die Einstiegsmöglichkeiten zur Selbstständigkeit zu niedrig angesetzt, was nicht zielführend für die Qualitätssteigerung ist. Hier sehe ich noch viel Handlungsbedarf. Trotzdem bin ich der Meinung, dass sich die Branche gut entwickelt und immer wieder gezeigt hat, wie sie sich dem Markt in gewissen Situationen, etwa bei der Durchsetzung von Corona-Maßnahmen, einem Überangebot von Events oder bei der kurzfristigen Bewachung von Asylunterkünften, anpassen kann.

 

Was haben Sie sich für die nächsten drei Jahre vorgenommen?
Ich wünsche mir ein besseres Image der Sicherheitsbranche, vorrangig in der Außendarstellung. Die Sicherheitskräfte leisten täglich Außerordentliches und werden nicht gerecht entlohnt, wenn man die Verantwortung des Personals betrachtet. Anderseits wünsche ich mir in diesem Zusammenhang ein anderes Bewusstsein der Arbeitgeber für ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Ich kann weder als Geschäftsführer noch als Sicherheitskraft höhere Löhne fordern, wenn ich nur eine Mindestqualifikation besitze. Somit habe ich mir als Ziel gesetzt, bei unseren Mitgliedsunternehmen dafür zu werben, den Fokus auf höhere Ausbildungsstandards bei den Mitarbeitern zu setzen. Aus Verbandssicht habe ich mir gemeinsam mit unserem neuen Vorstand vorgenommen, die Mitgliederzahl zu erhöhen. Wir möchten als Verband wahrgenommen werden und die mittelständischen Sicherheitsunternehmen in die Position bringen, die sie verdienen. Die Sicherheitsbranche braucht einen starken Mittelstand und diesen möchte ich fördern.

 

Das Sicherheitsgewerbe als Ganzes – also sowohl Unternehmen als auch die beiden Branchenverbände – haben das im Medienzeitalter so wichtige Thema „Marketing“ nicht gerade erfunden und beherrschen es bis heute nicht. Da kann es nicht verwundern, dass das Image der Branche in der Gesellschaft schlecht ist. Teilen Sie diese Meinung und welche Schritte wollen Sie unternehmen, um etwas daran zu ändern?
Es ist richtig, dass die Branche bei Marketinginnovationen dem Trend hinterherhinkt. Es steckt viel Potenzial in den Unternehmen, nur werden die kreativen Köpfe nicht in moderne Entscheidungsfindungen eingebunden. Es wäre wünschenswert, wenn die Sicherheitsbranche öfter mutige Wege im Marketing gehen würde als den derzeit eher konservativen Standard vorzuleben. Beim Bewerbermanagement sehe ich hierbei das größte Potenzial. Es gilt, durch innovative Ideen Bewerberinnen und Bewerber zu generieren und nicht durch lange Texte in Stellenanzeigen. Oftmals wird hierbei der visuelle Aspekt vergessen oder falsche Zielgruppen angesprochen. Mithilfe von Social Media wäre noch viel mehr möglich. Das ist ein Ansatz, den die gesamte Branche aufgreifen sollte. Vielleicht sollten wir uns öfter für Marketingexperten und neue Innovationen öffnen. Dennoch habe ich derzeit Verständnis für Unternehmer, dass sie aufgrund der Auftragslage andere Prioritäten setzen. Langfristig sollte jedoch ein Umdenken stattfinden.

 

Eine der größten Herausforderungen der Branche ist, wie in anderen Branchen auch, der Fachkräftemangel. Dabei spielen Bezahlung und wiederum das Image eine bedeutende Rolle. Wie soll dem Problem begegnet werden?
Ein Zusammenwirken von Arbeitgebern und ihren Sicherheitskräften wäre die ideale Variante. Dem Mitarbeiter sollte bewusst werden, dass er mit einer höheren Ausbildung im Sicherheitsgewerbe mehr Verantwortung und mehr Lohn erreichen kann. Gleichzeitig benötigt er dafür einen Arbeitgeber, der bereit ist, in ihn zu investieren, und zusätzlich Kunden, die gewillt sind, für entsprechende Qualität einen angemessenen Stundenverrechnungssatz zu bezahlen. Wenn alle diese Punkte erfüllt werden, kann der Fachkräftemangel in der Branche minimiert werden. Genau hierin besteht die Schwierigkeit, da drei verschiedene Parteien dasselbe Ziel haben müssten. Somit ist es die Aufgabe der Arbeitgeber, ihre Kunden davon zu überzeugen, auf Qualität anstelle des Preises zu setzen und dementsprechend ihr Personal für Fortbildungen zu begeistern. In diesem Zusammenhang ist in Deutschland zusätzlich der demografische Wandel zu beachten, was weitere Probleme nach sich ziehen wird. Es gilt nicht nur, junge Sicherheitskräfte zu gewinnen, sondern auch erfahrenen Sicherheitskräften eine Perspektive bis zur Rente aufzuzeigen. Ich denke, dass das Thema Wertschätzung gegenüber dem eigenen Personal eine große Rolle spielen wird. Daher ist es zielführend, das Image durch einfache Dinge zu verbessern. Hierzu gehört eine durchdachte PSA sowie moderne, zweckmäßige Dienstkleidung, die von den Sicherheitsunternehmen gestellt werden sollte. Bei der Außendarstellung einiger Firmen sehe ich derzeit noch Potenzial.

 

In Sachen Bewacherregister kann sich das bisher zuständige Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) auf die Fahnen schreiben, eines der anschaulichsten Beispiele für Staatsversagen geliefert zu haben. Nun soll das Bewacherregister in die Zuständigkeit des Statistischen Bundesamtes fallen. Welche Erwartungen haben Sie?
Ich möchte nicht von einem Staatsversagen reden. Die Idee des Bewacherregisters war sinnvoll, nur die Ausführung teilweise mangelhaft. Allerdings beziehe ich das eher auf einzelne Ordnungsämter, die mit der Mitarbeiteranlage überfordert waren. Inwiefern es sich hierbei um Personalmangel oder nicht ausreichende Schulungen handelt, kann ich nicht beurteilen. Sofern eine Sicherheitskraft die entsprechende Bewacher-ID besitzt und sich diese mit dem neuen Arbeitgeber verknüpfen lässt, ist dies ein großer Mehrwert für Sicherheitsunternehmen. Ich fordere hingegen eine einheitliche Regelung für Kosten bei der Erst- und Regelüberprüfung von Sicherheitskräften. Wurde vor wenigen Jahren in einzelnen Kommunen noch 13 Euro für eine Überprüfung bezahlt, sind es nun teilweise bis zu 150 Euro. Hierbei sehe ich großen Handlungsbedarf und eine gerechte Lösung für die Unternehmen. Ich erwarte allerdings von den Sicherheitsfirmen, sämtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ordnungsgemäß zu melden. Wir dürfen uns nicht über ein negatives Image beschweren, wenn bis zum heutigen Tage einzelne Firmen das Bewacherregister noch nicht befüllt haben. Seitens des Statistischen Bundesamts erwarte ich eine bessere Erreichbarkeit bei Fachfragen zum Bewacherregister und ein System, um zu lange Bearbeitungsvorgänge bei den zuständigen Ämtern melden zu können. Es darf nicht sein, dass Unternehmen teilweise mehrere Monate auf die Freigabe der Mitarbeiter warten müssen.

 

Zu den sehnlichsten Wünschen des Sicherheitsgewerbes gehört das Sicherheitsdienstleistungsgesetz, das im Koalitionsvertrag der Ampel steht. Sind Sie optimistisch, dass ausgerechnet unter dieser Regierung etwas Brauchbares entstehen kann?
Unabhängig von der jeweiligen Regierung bin ich stets optimistisch. Ich sehe das Sicherheitsdienstleistungsgesetz als positive Entwicklung für die Branche. Es gilt nun, dieses Gesetz mit Leben zu füllen. Ich hoffe, dass Ergebnisse erzielt werden, die in der Praxis umsetzbar sind und gleichzeitig zu einer Qualitätssteigerung führen. Es würde mich freuen, wenn durch das Sicherheitsdienstleistungsgesetz das Vergaberecht bei öffentlichen Aufträgen verändert wird. Die aktuell vorherrschende Variante, dass der preiswerteste Anbieter gewinnt, sollte durch Vergaben mit einem höheren Qualitätsanspruch ersetzt werden. Eine Firma sollte nachweisen können, dass sie in der Lage ist, eine gewisse Qualität zu leisten, und nicht nur einen guten Preis anbieten. Ebenso gilt es, Qualitätsstandards anzupassen und zu prüfen, ob der bisherige Anwendungsbereich des § 34a GewO ausgeweitet werden sollte. Ich sehe es somit als große Herausforderung für die Regierung und hoffe, dass man sich die richtigen Experten aus der Praxis ins Boot holt.

 

Die Branche bemängelt seit Jahrzehnten die Praxis der öffentlichen Hand, Vergaben nur anhand des Preises vorzunehmen. Warum sollte sich daran etwas ändern, solange die Branche selbst – auch viele Mitglieder des BVMS – ihre Dienstleistungen ausschließlich über den Preis verkauft, und das nicht nur mit Blick auf die öffentliche Hand, sondern auch auf Unternehmen und andere Organisationen?
Es ist richtig, dass in beiden Verbänden (BVMS und BDSW) Mitglieder über den niedrigsten Preis an Aufträge gelangen. Der Druck auf die Unternehmen ist entsprechend hoch und öffentliche Auftraggeber sind aufgrund der positiven Zahlungsmoral durchaus interessant für jedes Sicherheitsunternehmen, da das Risiko einer unbezahlten Rechnung gering ist. Diese Tatsache spielt der öffentlichen Hand in die Karten, da sich Unternehmen selbst bei niedrigen Preisen gegenüber einem öffentlichen Auftraggeber keine Blöße geben wollen und dennoch das bestmögliche Personal einsetzen. Aus diesem Grund ist die Forderung nach Anpassungen bei öffentlichen Vergaben nachvollziehbar und sogar erforderlich! Allgemein kämpfen die Sicherheitsunternehmen mit dem Druck, Aufträge zu generieren, neue Mitarbeiter zu gewinnen und Sicherheitskräfte beziehungsweise Arbeitsstellen zu halten. Hierbei das richtige Maß in Kombinationen aus diesen drei Säulen zu erreichen, ist eine Herausforderung für jeden Unternehmer. Grundsätzlich rate ich dazu, den Kunden zu befragen, was er sich wünscht: eine preiswerte Bewachung (wovon abzuraten ist) oder eine qualitativ hochwertige Bewachung mit übertariflicher Bezahlung und höheren Qualifikationen. Ein Firmeninhaber oder Geschäftsführer muss hingegen entscheiden, was er selbst anbieten möchte. Mit Blick auf das Image der Branche wäre ein Trend zur Qualität wünschenswert. Es wird sich hierbei nur etwas ändern, wenn alle Sicherheitsfirmen an einem Strang ziehen und Auftraggeber grundsätzlich Qualität fordern. Dies zu erreichen, wird eine der größten Herausforderungen der Branche.

 

Wie beurteilen Sie das (Konkurrenz-)Verhältnis von BVMS und BDSW?
Der BDSW hat für die Sicherheitsbranche sehr viel geleistet. Er war maßgeblich an diversen Entscheidungen zum Wohle der Sicherheitsunternehmen beteiligt. Dafür bin ich dem Verband auch als Präsident des BVMS sehr dankbar. Der BDSW hat eine Vorreiterrolle übernommen und ist Tarifvertragspartner der Gewerkschaften. Trotzdem entsteht der Eindruck, dass vermehrt die Interessen der großen Firmen und Multidienstleister durchgesetzt werden. Daher sehe ich uns als Verband für den klassischen Mittelstand. Jedes Mitglied hat denselben Wert. Es ist für uns nicht von Relevanz, ob jemand zwei oder 800 Mitarbeiter beschäftigt. Hier liegt der kleine, aber feine Unterschied: Im Vergleich zum BDSW hat jedes BVMS-Mitglied eine Stimme, während der BDSW die Stimmen nach Firmengröße verteilt. Ich sehe uns daher als einen fairen Verband, der jedem Mitglied dasselbe Recht einräumt. Ich spreche daher nicht von einem Konkurrenzverhältnis, denn grundsätzlich haben beide Verbände dasselbe Ziel: Eine Verbesserung der Sicherheitsbranche. Der Unterschied liegt darin, dass wir den Mittelstand stärken und ein Ansprechpartner für Unternehmen sein wollen, die sich gerade im Firmenaufbau befinden oder sich eine kostspielige Mitgliedschaft in anderen Verbänden nicht leisten möchten. Bei uns ist jede Firma willkommen, dennoch erwarten auch wir eine Identifizierung mit unseren Werten im Sinne einer Qualitätsverbesserung der Branche!