Veröffentlicht am: 13.06.2019

Interview: Marcus Heide
Foto: Klaus Bouillon

Klaus Bouillon

Seit 2016 Präsident des Bundesverbands mittelständischer Sicherheitsunternehmen (BVMS).

„Wir wurden als Eintagsfliege belächelt – und sind immer noch da“

Marcus Heide im Interview mit
Klaus Bouillon · Präsident des Bundesverbandes mittelständischer Sicherheitsunternehmen (BVMS)

BVMS-Präsident Klaus Bouillon über Allgemeinverbindlichkeit, interpretierbare Mitgliederzahlen und seltsame Tarifpolitik im Sicherheitsgewerbe.

Marktplatz Sicherheit: Herr Bouillon, das Sicherheitsgewerbe ist eine ungewöhnliche Branche. Der größte Branchenverband BDSW bittet den Gesetzgeber sozusagen händeringend, verbindliche Qualitätsstandards vorzuschreiben. Den Nutzen der Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen begründet er vor allem damit, dass auch die Beschäftigten in Nicht-Verbandsunternehmen von solchen Vereinbarungen profitieren. Denn damit müssten sie die gleiche Tätigkeit nicht zu niedrigeren Löhnen ausüben als ihre Kollegen in tarifgebundenen Unternehmen. Diese rührende Fürsorge für Arbeitnehmer kennt man von Arbeitgeberverbänden sonst gar nicht. Und dann kommen Sie als BVMS und schießen – wie jüngst in Nordrhein-Westfalen – sogar gegen diese Allgemeinverbindlichkeit. Was soll man davon halten?

 

Klaus Bouillon: Vielleicht sollten Sie bei der Suche nach einer Antwort in Erwägung ziehen, dass die Branche möglicherweise doch nicht so ungewöhnlich ist, wie es scheint, und dass es dem Verband eben doch nicht in erster Linie um das Wohl der Mitarbeiter geht, sondern ganz banal – und legitim – um die Durchsetzung eigener Interessen.

 

Das müssen Sie erklären.

Im BDSW geben maßgeblich die sehr großen Sicherheits-Dienstleister den Ton an, sie verfügen über rund 75 Prozent der Stimmanteile. Wir dagegen vertreten die die kleinen und mittelständischen Firmen. Gleiche Branche, unterschiedliche Strukturen, unterschiedliche Interessen.

 

Und was hat das mit der Allgemeinverbindlichkeit zu tun?

Es geht um Wettbewerbsfähigkeit. Im Sicherheitsgewerbe hat das Personal mit rund 90 Prozent den höchsten Anteil an den Kosten der Dienstleistung. Wenn also die Allgemeinverbindlichkeit die Personalkosten für alle Firmen der Branche deckelt, bleiben ihnen nur noch die restlichen 10 Prozent als Preis-Verhandlungsspielraum mit den Kunden. Warum verringert das die Wettbewerbsfähigkeit der kleinen Firmen? Einfaches Beispiel: Nehmen wir an, ein kleiner und ein sehr großer Sicherheits-Dienstleistung schaffen neue Dienstbekleidung für ihre Mitarbeiter an – der eine 20 Stück, der andere 2.000. Wer von beiden bekommt wohl den günstigeren Stückpreis? Natürlich der, der eine viel größere Menge abnimmt, also der große Dienstleister. Und das rechnen Sie nun mal hoch für Fahrzeuge, Ausrüstung und Anderes zusammen. Bei den genannten 10 Prozent Verhandlungsspielraum hat der Große also einen klaren Kostenvorteil gegenüber dem Kleinen und kann seine Dienstleistung entsprechend günstiger anbieten. Die geforderte Allgemeinverbindlichkeit hat also mit dem Mitarbeiterwohl nichts zu tun, sondern ist das Ergebnis knallharter Kalkulation.

 

Höre ich daraus ein gewisses Konkurrenzgebaren?

Nein, gar nicht. Der BDSW macht gute Lobbyarbeit, und wir unterstützen ihn. Aber eben nur dort, wo wir gemeinsame Interessen verfolgen.

 

Ihr Verband wurde 2014 gegründet, um den kleinen und mittelständischen Sicherheits-Dienstleistern eine Stimme zu geben, da sich diese vom BDSW nicht ausreichend vertreten fühlten. Damals gab es gerade mal 17 Mitglieder, heute sind es 132, also acht Mal so viele in gerade mal fünf Jahren. Dennoch sind Sie damit noch weit vom BDSW entfernt, der sich immerhin gut 1.000 Firmen auf die Fahnen schreibt.

Wie man’s nimmt. Was die Zahl der Mitarbeiter der Verbandsmitglieder angeht, werden wir den BDSW sicherlich kaum einholen können. Aber die reine Mitgliederzahl ist Auslegungssache. Denn der BDSW führt die regionalen Einzelgesellschaften der großen Dienstleister als separate Mitglieder. Würde man nur die Muttergesellschaften zählen, käme man auf lediglich 372 Mitglieder. In spätestens fünf Jahren werden wir diese Zahl weit überflügelt haben.

 

Woher nehmen Sie dieses Selbstbewusstsein?

Aus der Entwicklung des BVMS seit seiner Gründung. Wir wurden ja anfangs ziemlich belächelt, auch vom BDSW. „Eintagsfliege“ war noch der wohlmeinendste Titel, den man uns verlieh. Heute stellen wir fest: Uns gibt’s immer noch. Wir werden zu Diskussionsveranstaltungen und zum Austausch mit Entscheidungsträgern eingeladen. Zwar akzeptiert uns der BDSW immer noch nicht als Partner, aber er hat registriert, dass er uns so schnell nicht loswird. Das ist auch völlig in Ordnung. Wer 50 Jahre allein auf weiter Flur stand, kann halt nicht anders. In Deutschland gibt es etwa 6.000 Sicherheits-Unternehmen, davon sind nur rund 1.500 in einem Verband organisiert. Wenn man dann berücksichtigt, dass die Branche traditionell aus vielen kleinen und mittelständischen Unternehmen besteht, liegt es auf der Hand, dass wir ein großes Potenzial haben.

 

Was sind – neben dem Kampf gegen die Allgemeinverbindlichkeit – Ihre weiteren Ziele für Ihr potenzielles Klientel?

Wir wenden uns massiv gegen die DIN 77200, die so konstruiert ist, dass die kleineren Unternehmen das Nachsehen haben. Nehmen Sie beispielsweise die Anforderung von vier Tagen Fortbildung pro Mitarbeiter und Jahr. Unter Qualitätsaspekten toll – aber da kommt schnell eine hohe fünfstellige Summe für einen Mittelständler zusammen. Für die Großen ist das weniger ein Problem. Zumal sie die Schulungen sowohl für ihre eigenen als auch für externe Mitarbeiter in ihren eigenen Akademien durchführen – und dafür natürlich kassieren. Mit diesem Liquiditätsvorteil holen sie sich die lukrativen Aufträge, während die KMUs allenfalls als Subunternehmer herhalten müssen.

 

Auch was die Tarifpolitik angeht, gehen Sie einen anderen Weg.

Zusammen mit dem BDSW hat Verdi fünf Jahre an den Tarifgruppen gefeilt. Ergebnis: über 450 Lohnarten in bundesweit gut 70 Tarifverträgen. Das ist doch lächerlich. Wir müssen das System vereinheitlichen, vereinfachen und transparenter machen. Seit 2016 bieten wir dem BDSW an, eine Tarifgemeinschaft zu bilden – bislang ohne Erfolg.

 

Der BVMS hat selbst ein Tarifmodell erarbeitet. Wie sieht das aus?

Es berücksichtigt die unterschiedlichen Ausbildungsstufen und Anforderung der einzelnen Sicherheits-Dienstleistungen. Damit könnte bei Ausschreibung und Vergabe ein Leistungsheft erstellt werden. Grundlage der Tarifgruppen müssen die bundesweit anerkannten Voraussetzungen für die Beschäftigten sein. Dies sind neben den gesetzlichen Mindestanforderungen das IHK-Unterrichtungsverfahren und die -Sachkundeprüfung nach § 34a der GewO, die geprüfte Schutz- und Sicherheitskraft, die zweijährige Ausbildung zur Servicekraft für Schutz und Sicherheit sowie die dreijährige Ausbildung zur Fachkraft für Schutz- und Sicherheit. Um Dienstleistungen und Anforderungen vergleichen zu können, muss es eine Leistungstabelle für die weitere Entlohnung und Berechnung für den Kunden geben.

 

Wie sollen die Qualifikationen nachgewiesen werden?

Durch anerkannte Zertifikate. Vorteil: Die Qualifikation der einzelnen Mitarbeiter verbessert sich automatisch – und damit die Qualität der Dienstleistung. Diese Sparten und die qualifizierte Einordnung lassen sich in Prozenten vom jeweiligen Grundlohn berechnen. Mit diesem Tarifmodell wären sämtliche Sicherheits-Dienstleistungen einheitlich geklärt. Ebenso würde die Entlohnung nach Ausbildungsstufen langfristig dazu beitragen, das Ausbildungsniveau zu steigern. Deshalb muss es in diesen fünf Grundgruppen merkliche Unterschiede in der Entlohnung geben. Durch eine Allgemeine Leistungstabelle können Ausschreibungen transparenter und einfacher dargestellt werden.

 

Wie sieht es mit Ihrem Ausbildungsangebot aus?

Das erfreut sich hohen Zuspruchs – auch mit der Folge, dass wir darüber neue Mitglieder generieren. Unsere „Coaching Days“ sind bestens besucht, die Themen – darunter DSGVO, Drohnen oder Akquise-Know-how – sind praxisnah und treffen genau das, was die Branche braucht. Insgesamt betrachtet, sind wir nicht nur auf gutem Weg, sondern haben schon viele Etappenziele hinter uns gebracht.

 

www.bvms.de

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