Veröffentlicht am: 30.09.2020

Interview: Marcus Heide
Foto: Dr. Wolfgang J. Friedl

Dr. Wolfgang J. Friedl

Dr. Wolfgang J. Friedl ist Moderator sowie Brand- und Explosionsschutzexperte

„Mut statt Übermut“

Marcus Heide im Interview mit
Dr. Wolfgang J. Friedl · Brand- und Explosionsschutzexperte 

 

Brandschutz-Tagung auf der „SicherheitsExpo“: Wir sprachen mit Dr. Wolfgang J. Friedl über das Tätigkeitsfeld von Brandwachen als Service der Sicherheitswirtschaft

Wer den Begriff „Brandwache“ googelt, stößt zuerst auf die Wikipedia-Definition: „ein Bereitschaftsdienst der Feuerwehr nach dem eigentlichen Löschen eines Feuers bzw. dem Abschluss der Nachlöscharbeiten, um bei einem möglichen erneuten Aufflammen des Brandes schnell eingreifen zu können.“ Wenn diese Beschreibung auch nicht falsch ist, so ist sie doch auf jeden Fall unvollständig. Denn nicht nur die Feuerwehr stellt Brandwachen, sondern auch private Sicherheits-Dienstleister. Fort- und Weiterbildungsangebote für sie gibt es zuhauf.

Da trifft es sich gut, dass auch die renommierte, jährlich stattfindende Fachmesse „SicherheitsExpo“ in München – wegen der Corona-Pandemie in diesem Jahr von Juni auf den 21./22. Oktober verschoben – dem Thema „Brandschutz“ eine zweitägige Tagung widmet. Sicherheits-Dienstleister, die ihre Mitarbeiter also zur Messe schicken, um sich über die neueste Sicherheitstechnik zu informieren, können ihren auf Brandschutz spezialisierten Kräften auch die Teilnahme an der Tagung gönnen.

„Marktplatz Sicherheit“ sprach mit dem Moderator sowie Brand- und Explosionsschutzexperten Dr. Wolfgang J. Friedl über die Tagung und die für private Brandwachen relevanten Aspekte.

 

Marktplatz Sicherheit: Herr Dr. Friedl, herumsitzen und aufpassen, dass kein Feuer ausbricht, während andere löten und schweißen. Ist das nicht ein sehr bequemer Job?

Dr. Wolfgang J. Friedl: Als Antwort mag Ihnen ein Fall aus meiner Praxis als Gutachter dienen: Ein Handwerksunternehmen bot einem Kunden diverse Leistungen inklusive Brandwache an. Der Kunde stimmte dem Angebot zu – ohne Brandwache, denn die stellte er selbst: sein Sohn. Tja, ein paar Euro gespart. Es kam, wie es kommen musste: Ein Feuer brach aus, weil die Brandwache versagte. Und es kam noch besser: Der Kunde verklagte den Handwerker – und bekam Recht. Die Richter befanden, dass der Handwerker hätte vorab feststellen müssen, dass die Brandwache nicht kompetent genug war. Insofern war der Handwerker für die Schäden haftbar. Damit dürfte Ihre Frage nach dem bequemen Job beantwortet sein. Herumsitzen alleine genügt eben nicht bei der Brandwache.

 

Was ist die Aufgabe einer privaten Brandwache, die also nicht im Dienste der Feuerwehr arbeitet?

Brandwachen sind vorgeschrieben, wenn im Unternehmen feuergefährliche Arbeiten – beispielsweise Schweiß- oder Lötarbeiten – verrichtet werden. Brandwachen sollen verhindern, dass ein Feuer ausbricht. Wenn es ausgebrochen ist, sollen sie die notwendigen Maßnahmen veranlassen, um den Schaden so gering wie möglich zu halten. Sie müssen wissen, welche brennbaren Stoffe vorhanden und welche Löschmittel dafür geeignet sind. In der Regel sind sie verpflichtet, in der ersten halben Stunde der Arbeiten unmittelbar vor Ort anwesend sein und dann alle fünf bis zehn Minuten vor Ort kontrollieren, ob es brennt. Sie müssen Kenntnis davon haben, wo geeignete Feuerlöschmittel bereitstehen, wie man sie bedient, und Sie müssen über eine Kommunikationsvorrichtung verfügen, mit der man die Feuerwehr rufen kann, also Funkgerät oder Handy. Die Versicherungen geben vor, dass Brandwachen mindestens zwei Stunden nach Abschluss der feuergefährlichen Arbeiten im Einsatz sind. US-amerikanische Versicherung fordern mindestens vier Stunden. Ab einer bestimmten Versicherungssumme können es auch in Deutschland sogar 24 Stunden sein. Auch wenn das Feuer erst nach zwei Stunden ausbricht, unterstellen deutsche Versicherungen immer noch ein fahrlässiges, gleichwohl aber kein grob fahrlässiges Verhalten. Im ersteren Fall zahlen sie, im zweiteren nicht.

 

Was sind die grundsätzlichen Anforderungen?

Mut statt Übermut. Außerdem: absolute Zuverlässigkeit und Verantwortungsbewusstsein. Im Brandwache-Dienst E-Mails beantworten – das geht halt nicht. Eine Staatsanwältin sagte mir mal: „Mir ist kein Fall bekannt, in dem ein Brandschutzbeauftragter im Gefängnis sitzt. Aber es gibt Leute, die im Gefängnis sitzen, weil sie die Brandschutzkontrollen nicht durchgeführt haben.“ Kontrollieren heißt: selbst in Augenschein nehmen statt sich auf das zu verlassen, was andere sagen. Übrigens halte ich professionelle Sicherheits-Fachkräfte für ideale Brandwachen, denn sie sind dafür ausgebildet, besonders aufmerksam zu sein.

 

Können Unternehmen Brandwachen auch aus den eigenen Reihen rekrutieren?

Das ist nicht unüblich. Viele greifen aber auf externe Sicherheits-Dienstleister zurück. Andere wiederum sind sich gar nicht bewusst, dass sie verpflichtet sind, eine Brandwache einzusetzen. Das klassische Beispiel dafür sind Hotels, zumal wenn ihre Außenwände mit Polystyrol gedämmt sind. Da läuft der Hausmeister gerne mit einer Gasflasche huckepack, um das Unkraut in den Fugen auf Gehwegen abzuflammen. Dieses alltägliche Szenario birgt eine große Brandgefahr, also ist eine Brandwache vorgeschrieben. Doch das kümmert natürlich niemanden, denn es kostet Geld.

 

Doch bei aller Vorsicht kommt es dann doch immer wieder dazu, dass ein Feuer ausbricht. Wie hat die Brandwache zu reagieren?

Zuerst möglichst zügig die Feuerwehr rufen und dann, wenn man es sich zutraut, einen Löschversuch unternehmen. Das muss aber jeder selbst entscheiden. Besser ruft man die Feuerwehr einmal zu viel als einmal zu wenig. Der Einsatz kostet nichts, auch wenn das Feuer klein ist oder man es doch schon gelöscht hat. Oft entdecken die Feuerwehrleute vor Ort noch manches, dass man als Laie übersieht, etwa einen Schwelbrand.

 

Brandwachen müssen sich mit Feuerlöscheinrichtungen auskennen. Was sind die gängigsten?

Jeder kennt Handfeuerlöscher. Als Löschmittel stehen Wasser, Schaum, Pulver und Kohlendioxid (CO2) zur Verfügung. CO2-Löscher halte ich für grundsätzlich falsch, weil sie nicht zum effektiven Löschen für Feststoffbrände verwendet werden können, sondern für EDV-Geräte und Flüssigkeiten. Die anderen Löschmittel sind je nach Brandtyp unterschiedlich sinnvoll. Mit Pulverlöschern bekommt man einen Gasbrand in den Griff, Wasserlöscher sind für Feststoffbrände ideal, Schaumlöscher löschen auch Flüssigkeitsbrände. Gleichzeitig können die Löschmittel aber große Schäden anrichten, die womöglich die Schäden durch das Feuer übertreffen. Es gilt, die Verhältnismäßigkeit der Mittel zu wahren, wie es auch die Versicherungen fordern. Deshalb sollten sich Brandwachen mit Feuerlöscheinrichtungen gut auskennen, auch wenn sie in der Regel ja nicht selbst entscheiden, welche denn angeschafft werden und im Fall der Fälle zur Verfügung stehen. Im Zweifel rate ich, gerade für Brandwachen, zu Wasser- und Schaumlöschern.

 

Wie sieht es beim Löschversuch mit der Eigensicherung aus?

Grundsätzlich gilt: Der Mensch muss sich stets zwischen Feuer und Fluchtweg befinden, also mit dem Rücken zum Fluchtweg. Viele machen das falsch. Man muss bedenken, dass es immer mehr Rauch und Flammen gibt, wenn man das Feuer nicht löschen kann. Irgendwann ist der Fluchtweg versperrt, wenn man ihn nicht im Rücken hat.

 

Bei einem Brand ist die Hitze bekanntlich die geringste Gefahr. Viel fieser sind die freigesetzten Giftstoffe.

Schmorbrände sind in dieser Hinsicht besonders gefährlich, sie enthalten Cyanide, Salzsäure und Kohlenmonoxid in tödlich großen Mengen. Sie erreichen Temperaturen von wenigen hundert Grad, aber die freigesetzten Stoffe sind bis zu 500 Mal giftiger, als wenn‘s richtig heiß brennt. Da können schon zwei Atemzüge tödlich sein.

 

Was also muss die Brandwache vorsichtshalber tun?

Möglichst keinen Rauch einatmen, den Raum verlassen, Tür zu – und sich eingestehen: Ich kann nicht mehr löschen und habe verloren. Letzte Rettung: Feuerwehr. Aber jetzt kommen wir zur Aufgabe der Brandwache zurück: Eigentlich sollte es so weit ja gar nicht kommen, weil die Brandwach die Lage aufmerksam beobachtet und rechtzeitig erkannt hat, dass ein Brand entsteht.

 

Bei der Brandschutz-Tagung auf der „SicherheitsExpo“ wird es natürlich nicht um solche grundlegenden, sondern um weiterführende Themen gehen. Was wird für Sicherheits-Dienstleister besonders spannend sein?

Ich empfehle besonders die Teilnahme am ersten Tag. Da treffen in einer Podiumsdiskussion beispielsweise der Münchner Feuerwehrchef Peter Bachmeier auf den ehemaligen Verwaltungsrichter Dr. Klaus Gregor und diskutieren darüber, wie Verstöße gegen den Brandschutz zu bewerten sind. Ein für Brandwachen stellende Sicherheits-Dienstleister ebenso wichtig wie für ihre Auftraggeber. Der Werkfeuerwehrmann Jakobus Eeman wird berichten, wie wichtig die richtige Kommunikation im Ernstfall ist. Er hat bei einem Einsatz vier Kameraden verloren, weil Fluchtwege verbaut waren. Auch der Vortrag über den Wandel der Leitstellentechnik von Ralf Hanning von der Berufsfeuerwehr Herne wird höchst interessant für Sicherheitsfirmen. Und in aller Bescheidenheit darf ich auf meinen Vortrag hinweisen, in dem es darum geht, wie man Brandschutz begeisternd vermittelt. Ein Denkanstoß für alle, die Brandwachen ausbilden.

 

Die „SicherheitsExpo“ (www.sicherheitsexpo.de) findet am 21. und 22. Oktober in München statt. Zu den technischen Schwerpunkten gehören Zutrittskontrolle, Brandschutz, IT-Sicherheit, Perimeterschutz und Videoüberwachung. Aber auch der BDSW wird mit einem Stand vertreten sein. Neben der Brandschutz-Tagung wird es zwei begleitende Vortragsforen geben.

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