Veröffentlicht am: 06.03.2019

Interview: Marcus Heide
Foto: Pierre Tamke

Pierre Tamke

Pierre Tamke, seit 1997 im Sicherheitsgewerbe tätig, leitet seit 2017 die seit 1984 bestehende betriebsinterne Sicherheitsschule der Klüh Security GmbH in Cham. Während seiner Tätigkeit für die TÜV Rheinland AG war er Mitglied im DIN-Arbeitsausschuss, der die DIN 77200 erarbeitet.

„Die Norm lässt Rückschlüsse darauf zu, ob der Arbeitgeber seriös ist“

Marcus Heide im Interview mit
Pierre Tamke · Leiter der betriebsinternen Sicherheitsschule der Klüh Security GmbH in Cham

Derzeit ist oft die Rede von der DIN 77200. Was sie für die Branche im Allgemeinen und den einzelnen Mitarbeiter im Besonderen bedeutet, erklärt Pierre Tamke.

Marktplatz Sicherheit: Herr Tamke, derzeit ist im Sicherheitsgewerbe wieder viel von der DIN 77200 die Rede. Was hat es mit solchen Normen auf sich?

 

Pierre Tamke: Vom Grundsatz her handelt es sich um einen Standard, also eine definierte Einheitlichkeit, auf deren Basis sich Produkte und Dienstleistungen vergleichen lassen. Den bekanntesten Standard dieser Art kennen wir alle von einem Blatt Papier: Das hat nämlich das einheitliche Format DIN A4, ist also 21,0 Zentimeter breit und 29,7 Zentimeter hoch. Interessant dabei ist, wie eine solche Norm zu Stande kommt: In diesem Fall soll das Verhältnis von Breite und Höhe stets 1:√2 betragen, sodass es bei allen durch mittiges Falten über die lange Seite entstehenden kleineren Blättern erhalten bleibt. Das kennt man schon seit Ende des 18. Jahrhunderts.

 

Nun lassen sich Sicherheits-Dienstleistungen nur sehr selten mittig falten…

Das war ja nur ein bekanntes Beispiel zur Illustration. In Deutschland wird eine solche DIN-Norm unter Leitung eines Arbeitsausschusses im Deutschen Institut für Normung (DIN) erarbeitet. Im Mai 2004 kam das Sicherheitsgewerbe auf die Idee, einen Standard für Sicherheits-Dienstleistungen zu entwickeln. Die Leistungen, die dem potenziellen Auftraggeber angeboten werden, sollten damit transparent und vergleichbar sein. So entstand die DIN 77200, die seit dem Jahr 2005 Anforderungen an Organisation, Personalführung und Arbeitsweise eines Unternehmens stellt, das Sicherheits-Dienstleistungen erbringt. Sie gibt zudem Qualitätskriterien für die Vergabe dieser Leistungen durch öffentliche und private Auftraggeber vor. Eine überarbeitete Fassung gab es dann 2008 und erneut 2017, als die Norm in drei Teile gegliedert wurde.

 

Und warum hört man in jüngster Zeit wieder so viel davon?

Das hängt mit diesen drei Teilen zusammen. Teil 1 beschreibt „Allgemeine Anforderungen an Sicherheitsdienstleister“ und Teil 3 die „Zertifizierungsverfahren zur Konformitätsbewertung von Sicherungsdienstleistungen“ nach Teil 1. Jetzt liegt ein Entwurf für Teil 2 vor, in dem es um erweiterte Anforderungen für „besondere Leistungsbereiche“ geht, beispielsweise Veranstaltungen mit besonderer Sicherheitsrelevanz, öffentlicher Personenverkehr und Objekte mit besonderer Sicherheitsrelevanz, sowie Flüchtlings- und Asyleinrichtungen. Wir befinden uns in der so genannten Kommentierungsphase, das heißt, Vertreter des Sicherheitsgewerbes können sechs Monate lang Änderungen, Verbesserungen und Erweiterungen vorschlagen.

 

Wie betrifft die DIN 77200 den Arbeitsalltag jedes einzelnen Sicherheits-Mitarbeiters?

Zunächst einmal nur insofern, als dass er eben die geforderten standardisierten Leistungen erbringt, wie es ihm sein Arbeitgeber vorschreibt – unter der Voraussetzung, dass der überhaupt nach dieser Norm arbeitet.

 

Als die DIN 77200 vor über zehn Jahren Gültigkeit erlangte, nannte sie ein Fachjournalist „eine Norm, an die sich niemand halten muss“ und illustrierte seinen Artikel mit einem lädierten Regenschirm im Mülleimer. Das ließ seinerzeit den Wutpegel der Vertreter des Bundesverbands der Sicherheitswirtschaft (BDSW, damals noch BDWS) in die Höhe schießen. Ist die Norm heute verbindlicher?

Die Orientierung an einer Norm ist grundsätzlich freiwillig. Auch Druckerpapier müssen Sie ja nicht im A4-Format herstellen. Es ist aber empfehlenswert, da es in einem anderen Format kaum verkäuflich wäre. Das ist bei der DIN für Sicherheits-Dienstleistungen ein bisschen anders, weil der Markt anders funktioniert. Hier ist oftmals der Preis das entscheidende Vergabekriterium und die Qualität der Leistung – nachweisbar über Standards – spielt nur eine untergeordnete Rolle. Warum also sollte ein Sicherheits-Unternehmen nach DIN-Vorgaben arbeiten, wenn’s den Kunden gar nicht interessiert?

 

Wenn’s den Kunden nicht interessiert, muss es den einzelnen Wachmann/die einzelne Wachfrau gleich gar nicht interessieren…

Das stimmt nicht ganz. Für die Mitarbeiter ist es durchaus wichtig zu wissen, ob sich ihr Arbeitergeber nach der Norm arbeitet. Denn dann kann er sicher sein, dass die Führungskräfte über die erforderliche und notwendige Qualifikation verfügen und zudem verpflichtend qualifiziert werden (40 Unterrichtungsstunden). Es ist dann auch gewährleistet, dass sein Unternehmen anständig organisiert ist und zumindest grundlegende Qualitätsvoraussetzung erfüllt, etwa Einweisung in den Arbeitsschutz, Dienstplanung und Dokumentation. Kurz: Der Mitarbeiter hat Hinweise darauf, ob sein Arbeitergeber seriös ist – auch was die Arbeitsbedingungen angeht.

 

Das leuchtet mir nicht ganz ein. Es gibt etliche Wachschutz-Unternehmen, bei denen von der DIN nicht die Rede ist und die trotzdem einen vorbildlichen Job machen. Andererseits gibt es solche, bei denen der Hinweis auf die DIN 77200 ganz vorne auf der Website prangt und bei denen man dennoch die Hände überm Kopf zusammenschlägt.

Das liegt daran, dass viele Jahre allein die Behauptung genügte, man arbeitete nach der Norm („einfache Konformitätserklärung“). Selbst die freiwillige Zertifizierung hatte wenig Aussagekraft, weil es auch unter den Zertifizierern jede Menge schwarze Schafe gibt. Doch auch dafür sind die Kriterien – dank des Teils 3 der DIN 77200 – inzwischen strenger geworden. Jetzt ist die Zertifizierung verbindlich, und es gibt strenge Anforderungen an die Unternehmen, die die Zertifizierung durchführen.

 

Und doch bleibt die Frage: Wozu eine Norm, wenn sie in der Praxis keine Rolle spielt?

Es stimmt nicht, dass sie gar keine Rolle spielt. Zum Glück gibt es tatsächlich Auftraggeber, bei denen nicht nur Preis, sondern auch die Qualität der Dienstleistungen Berücksichtigung findet. Deshalb gibt es in Ausschreibungen durchaus auch mal die Anforderung, dass die Leistungen nach DIN 77200 zu erbringen sind. Selbst wenn der Ausschreibende manchmal keine Ahnung hat, was die Norm im Detail vorschreibt – wer an der Ausschreibung teilnimmt, muss die Anforderungen erfüllen.

 

Fassen wir zusammen: Die DIN 77200 soll Transparenz schaffen, um die Spreu vom Weizen trennen zu können. Gleichzeitig braucht man dazu aber die Akzeptanz der Kundschaft dahingehend, dass sie die Spreu auch vom Weizen trennen will. Das scheint ja nicht gerade die Regel zu sein. Man muss ja nur die aktuellen Nachrichten verfolgen, etwa was die juristische Aufarbeitung der Vorgänge in der Flüchtlingsunterkunft im nordrhein-westfälischen Burbach angeht oder den spektakulären Goldmünzen-Raub im Berliner Bode-Museum. Und was ist von einer Stiftung zu halten, die allen Ernstes zur Bewachung einer KZ-Gedenkstätte eine Firma einsetzt, die sich „Boxing Security“ nennt?

Das sind in der Tat keine Einzelfälle, aber die Regel ist es zum Glück auch nicht. Die DIN ist jedenfalls ein Versuch, der Qualität im Sicherheitsgewerbe mehr Raum zu geben.

 

Dann mal Butter bei die Fische: Was sollen wir uns denn unter Qualität vorstellen?

Weit verbreitet ist es, Qualität als Grad der Übereinstimmung zwischen Ansprüchen/Erwartungen („Soll“) an ein Produkt/eine Dienstleistung und deren Eigenschaften („Ist“) anzusehen. Streng genommen: Gibt es nur ein Merkmal, dessen Soll beim Soll-Ist-Vergleich nicht erfüllt ist, führt das zu einem Fehler und somit zu einem fehlerhaften Produkt.

 

Für die DIN 77200 ist das doch eine ziemliche Bankrotterklärung, denn es ist praktisch für kein Unternehmen möglich – auch nicht für die ganz Großen, die Anforderungen hundertprozentig zu erfüllen. Wenn ich es in den Sozialen Medien richtig verfolge, setzt hier doch auch Ihre Kritik an.

Da haben Sie Recht. Die Norm verfügt über zahlreiche Punkte, die ihre Ansprüche aufweichen. Beispiel: Sie fordert, dass das Bewachungspersonal und die Führungskräfte eines Unternehmens aus höher qualifiziertem Personal bestehen. Bei der Erstzertifizierung müssen aber nur zwischen 20 und 35 Prozent (je nach Tätigkeitsbereich) qualifizierter sein. Erst bei der Folgezertifizierung müssen es 40 bis 60 Prozent (je nach Tätigkeitsbereich)sein. 100 Prozent wird kein Unternehmen erreichen. Das ist schlichtweg schwer zu realisieren und zu finanzieren. Insofern bedeutet „Zertifiziert nach DIN 77200“ nicht unbedingt „Vollständig nach DIN 77200 arbeitend“.

 

Was kritisieren Sie noch?

Kritisch sehe ich persönlich die Qualifikationsanforderungen für Führungskräfte. Die Norm sieht folgende Regelung vor: „Führungskräfte müssen die Qualifikation als Meister für Schutz und Sicherheit (IHK) nachweisen oder den Abschluss als Fachkraft für Schutz und Sicherheit mit drei Jahren Berufserfahrung oder den Nachweis Geprüfte Schutz und Sicherheitskraft mit fünf Jahren Berufserfahrung erbringen. Hiervon befreit sind Führungskräfte, welche zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Normenteils die Funktion als Führungskraft im Bereich SDL bereits nachweislich für einen Zeitraum von mehr als drei Jahren begleitet haben.“ Meines Erachtens werden hier die höherwertigen Qualifikationen, etwa der „Meister für Schutz und Sicherheit“ aufgeweicht. Hochschulabschlüsse wie der B.A. Security Management oder Ähnliches finden überhaupt keine Erwähnung. Zudem wird hier das branchenweit bekannte Problem der zu gering qualifizierten Führungskräfte weiter bestehen. Aber genau bei diesem Punkt könnte der einfache Mitarbeiter „Qualität“ spüren, wenn er einen gut qualifizierten Vorgesetzten hätte.

 

Ist denn der Inhalt dieses Teils 2 wenigstens brauchbar?

Warten wir mal das Ende der Kommentierungsfrist ab. Ein Tipp für alle Unternehmer: Sie sollten sich auf der Website des DINs den Teil 2 der Norm genau anschauen und bei Bedarf kommentieren.

 

www.klueh.de/de/Security.htm

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