Veröffentlicht am: 28.01.2021

Interview: Marktplatz Sicherheit
Foto: Thilo Ohrmundt

Thilo Ohrmundt

Thilo Ohrmundt ist seit fast 30 Jahren Personenschützer und Inhaber der Sicherheitsfirma DISEO, die seit über 25 Jahren am Markt ist. 2019 erschien sein Buch „Personenschutz durch Aufklärung“ (ISBN: 978-3-7485-7406-4), erhältlich im Epubli-Verlag.

„Action gehört nicht zum Tagesgeschäft“

Marktplatz Sicherheit im Interview mit
Thilo Ohrmundt · Personenschützer und Inhaber der Sicherheitsfirma DISEO

Angeber, Helden und Romantiker brauchen gar nicht weiterlesen: Thilo Ohrmundt erklärt die Realität des Personenschutzes und wie man seine Chancen erhöht, eines Tages damit Einkommen zu erzielen

Marktplatz Sicherheit: Herr Ohrmundt, wie wichtig ist es für einen Personenschützer in Deutschland, dass er ein Flugzeug stürmen kann?

 

Thilo Ohrmundt: Ich nehme mal an, dass das eine ironische Frage zum Anteasern ist. Sie wissen so gut wie ich, dass das für die Praxis des Personenschutzes hierzulande reiner Unfug ist.

 

Es gibt Firmen für Personenschutz-Ausbildung, die das im Programm haben, ebenso beispielsweise den Personenschutzeinsatz mit fünf- bis sechsköpfigen Teams, wilden Verfolgungsjagden, Schießereien, langen Märschen und Orientieren im Gelände. Hört sich spannend an. Wenn Whitney Houston das noch erleben dürfte…

Es gibt zweierlei Ausbildungsanbieter in Deutschland: Die einen orientieren sich an der Nachfrage der Trainingsteilnehmer, die glauben, der Alltag des Personenschützers sei wie im Kino. Und die anderen orientieren sich an der Nachfrage des Marktes. Und der verlangt nach Taktik, Organisation, Rechtskunde, Sprachkenntnissen und gutem Benehmen. Ist halt immer die Frage, wofür man sein Geld ausgeben will – zur Unterhaltung und fürs Träumen oder für Karriere und Einkommen.

 

Aber auch Dieter Bohlen und Helene Fischer nehmen hin und wieder Personenschutz in Anspruch. Da kann man doch das Showgeschäft mit dem Beruf verbinden.

In der Tat gibt es für diese Art von Personenschützern ebenfalls einen Markt, aber der ist im Vergleich zum Personenschutz außerhalb des Showgeschäftes sehr gering. Außerdem geht es hier vor allem um zeitlich befristete Aufträge von vielleicht zwei, drei Tagen, beispielsweise rund um ein Event, etwa einer Preisverleihung. Stars und Sternchen leisten sich hierzulande eher selten Bodyguards rund um die Uhr. Die Anforderungen sind auch ganz andere als für Personenschützer in Unternehmen und für exponierte Familien. Das ist das Berufsbild, über das ich mich im Folgenden viel lieber mit Ihnen unterhalten würde.

 

Einverstanden. Damit wir nicht nur qualitativ, sondern auch quantitativ wissen, worum es geht: Von wie vielen Stellen für Personenschützer in Deutschland reden wir eigentlich?

Ich gehe davon aus, dass es – ohne das Showgeschäft – rund 1.500 Stellen sind.

 

Ein wirklich überschaubarer Markt. Da sollte man sich genau überlegen, ob man sich mit diesem Berufswunsch über Wasser halten kann.

Es ist gar nicht mal so, dass es keine offenen Stellen gäbe. Aber es ist schwer, sie mit kompetenten Bewerbern zu besetzen. Auch ich suche immer wieder nach Personenschützern, die den Job ausfüllen können. Leider ist es schwer, sie zu finden. Ich bekomme haufenweise Bewerbungen von Leuten, die ein Zertifikat vorweisen können und glauben, damit seien sie jetzt Personenschützer. Ein kurzer Blick in die Dokumente genügt und ich weiß, wie ich das einzuschätzen habe: Statt Erste-Hilfe-Ausbildung finden sich dort hohe Punktzahlen im Schießtraining, statt fließendes Englisch bietet man mir gebrochenes Deutsch. Und selbst wenn das Zertifikat von renommierten Unternehmen ausgestellt ist, scheitert die Eignung an mangelnder Flexibilität des Bewerbers. Von München nach Hamburg umziehen, von Köln nach Dresden? Eine Zumutung. Temporärer Nachtdienst? Nein, geregelte Arbeitszeiten sind essentiell. Tja, so läuft Personenschutz halt nicht.

 

Wie läuft er dann?

Zunächst einmal muss man sich von der Vorstellung verabschieden, dass Action zum Tagesgeschäft gehört. Gerade in Deutschland kommt es ja – zum Glück – höchst selten zu Angriffen, sodass die Nachfrage in weiten Teilen vom subjektiv empfundenen Lagebild abhängt. Jedes Jahr kommt es zu 60 bis 70 Fällen von Entführung in wohlhabenden oder anderweitig exponierten Familien. Die wenigsten werden aber öffentlich bekannt. Als sich die RAF in 1990er Jahren auflöste, schrumpften auch die Personenschutzkommandos in der Wirtschaft. Dann kamen die großen Entführungsfälle Reemtsma, Fizsman, von Metzler – die Sensibilität wuchs und flachte ebenso wieder ab wie die Konjunktur in der Finanzkrise, als die Banken – und damit ihre Führungskräfte – in der Gesellschaft zu Feindbildern wurden. Gerade jetzt in der Corona-Krise werden wieder Personenschützer verstärkt nachgefragt, weil die allgemeine und auch finanzielle Unsicherheit zu neuen Feindbildern führt. Allerdings bleiben durch die Lockdowns auch wieder viele potenzielle Schutzpersonen zu Hause, weil sie wie alle anderen auch vom Home Office aus arbeiten.

 

Das klingt wirklich nicht nach Action.

Ganz genau. Umso wichtiger sind Aufklärungstätigkeiten. Und auch da hat sich seit den 1990er Jahren viel geändert. In der Privatwirtschaft gibt es kaum noch die Kommandostruktur. Stattdessen sind hohe technische Kompetenzen gefordert. Jeder Personenschützer muss heute mit einer Alarmanlage umgehen können, mit Navigations- und Ortungstechnik. Statt eine Schusswaffe muss man Bild- und Videokamera beherrschen. Örtlichkeiten und Auffälligkeiten müssen perfekt dokumentiert werden können. Wie sieht’s aus mit der Bedienung einer Drohne? Und dann Social Media: Was machen eigentlich die Kinder der Schutzperson auf Instagram, Snapchat und TikTok? Das ist zu recherchieren, zu dokumentieren, zu analysieren und anschließend unter dem Gesichtspunkt des Personenschutzes einzuordnen.

 

Die Gefahr lautet also nicht länger hinter der Hecke, sondern im Web?

Nicht nur, aber immer mehr. Und das Schwierige dabei: Sie müssen Ihren Auftraggeber auch davon überzeugen können, dass er für Schutzmaßnahmen auf dieser Ebene Geld ausgeben soll. Erst wenn was passiert ist, gibt es ein Budget. Wie wollen Sie nachweisen, dass ein YouTube-Auftritt zu einem Angriff oder Entführungsversuch geführt hat? Manager sind auch nur Menschen: Als dem Innogy-Finanzchef während des Joggings Säure ins Gesicht gesprüht wurde, waren die Personenschutz-Budgets für kurze Zeit großzügig. Inzwischen ist das wieder in Vergessenheit geraten – in der Öffentlichkeit ebenso wie unter Führungskräften.

 

 

Gerade das scheint mir doch ein klassischer Fall von Aufklärungs- und Konzeptversagen. Der Innogy-Manager konnte vermutlich Opfer werden, weil er fürs Jogging immer dieselbe Strecke nahm. Im Vorwort zu Ihrem Buch „Personenschutz durch Aufklärung“ heißt es: „Analysiert man spektakuläre Attentate auf hochgefährdete Persönlichkeiten in Ländern des Mittelmeerraums, so fällt auf, dass in den allermeistern Fällen Aufklärungsmaßnahmen – wie wir sie verstehen – nicht oder nur minimal im Schutzkonzept vorgesehen waren.“

Genauso ist es. Aufklärung im Personenschutz heißt aber nicht nur, sich mal den Joggingweg anzuschauen, den die Schutzperson nutzt. Es ist eine hoch komplexe Aufgabenstellung aus unterschiedlichsten Einzelmaßnahmen, jeder Menge Formulararbeit am Computer und reichlich Abwägung im rechtlichen Rahmen.

 

Wenn jemand eine seriöse Personenschutz-Ausbildung absolviert hat und das reine Zertifikat trotzdem nicht ausreicht, um Personenschützer zu werden – was ist dann der vielversprechendste Weg?

Ganz wichtig: Ohne ein Quäntchen Glück und Kontakten wird es selten gehen. Darüber hinaus muss man von seinem Wesen her auch geeignet sein. Dazu gehört Disziplin, Flexibilität und technische Affinität. Wenn das alles stimmt, dann muss man sich langsam an den Job herantasten. Beispielsweise indem man sich zunächst im Sicherheitsgewerbe oder in der Sicherheitsabteilung eines Unternehmens Erfahrung aneignet. Währenddessen sollte man ausgiebig netzwerken, etwa in den einschlägigen Foren der Sozialen Medien oder auf Messen. Zunächst geht es ums Zuhören und Lernen, später um konstruktives und kompetentes Mitdiskutieren. Auf diese Weise weckt man vielleicht die Aufmerksamkeit eines Entscheidungsträgers, der zum Mentor werden kann. Wenn ich persönlich eine Personenschutz-Nachwuchskraft suche, höre ich mich ja auch in meinem Netzwerk um. Eines steht jedenfalls fest: Personenschützer wird man nicht über Nacht. Und schon gar nicht mit der Kompetenz, ein Flugzeug zu stürmen…

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