Veröffentlicht am: 20.06.2018

Interview: Marcus Heide
Foto: Andreas Stollenwerk

Andreas Stollenwerk

Andreas Stollenwerk ist einer von zwei Geschäftsführern des Privaten Instituts für Sicherheit und Ordnung (PISO-NRW). Der 2015 gegründete Bildungsträger mit Sitz in Erftstadt bei Köln hat sich auf die private Sicherheitsbranche spezialisiert. Stollenwerk ist seit 1998 in der Bewachungsbranche aktiv, zunächst in verschiedenen operativen Einsatzbereichen, später mit vertrieblichen Aufgaben und in der Betriebsleitung. Seit 2005 widmet er sich der Aus- und Weiterbildung von Beschäftigten innerhalb der Bewachungsbranche und der Beratung von Unternehmen in den Disziplinen Safety & Security.

„Wer hoch hinaus will, kann es schaffen“

Marcus Heide im Interview mit
Andreas Stollenwerk · Einer von zwei Geschäftsführern des Privaten Instituts für Sicherheit und Ordnung (PISO-NRW, www.piso-nrw.de)

Andreas Stollenwerk über die vielversprechenden Berufsperspektiven des Sicherheitsgewerbes

Marktplatz Sicherheit: Herr Stollenwerk, ist die Tätigkeit „Sicherheitsmitarbeiter/-in“ ein cooler Beruf?

Andreas Stollenwerk: Die Tätigkeit ist nicht mehr oder weniger attraktiv als anderswo, denn das Sicherheitsgewerbe ist ein Berufszweig wie jeder andere. Attraktivität bemisst sich ja ganz individuell, weshalb der eine die Arbeit als erfüllend betrachtet, der andere wiederum hier vielleicht auch nur eine Möglichkeit sieht, sein Geld zu verdienen. Was man sicherlich sagen kann: Der Job bedarf in hohem Maße Verantwortungsbewusstsein, sozialer Kompetenz, Fachwissen und Qualifikation, wenn man ihn richtig ausfüllen möchte. Es gibt eine Vielzahl von Aus-, Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten, die gute Aufstiegschancen bieten, und der Verdienst ist mittlerweile auf einem Niveau, dass man damit auch eine Familie ernähren kann.

 

Das widerspricht in nahezu allen Punkten dem Image des Berufs.

Da haben Sie leider Recht. Sicherheitsmitarbeiter genießen im Allgemeinen keine besonders hohe Anerkennung. Dies liegt oft an mangelnder Kenntnis der Branche, entsprechender Fakten und an Vorurteilen, die – sehr gerne genutzt und geprägt von Medien – ihre Wirkung entfalten. Wenn man in der Öffentlichkeit über die Branche berichtet, dann eigentlich immer nur negativ. Insbesondere sind hier die sogenannten Enthüllungsreportagen zu nennen, die unter dem Vorwand, Aufklärung leisten zu wollen, Extremfälle dazu nutzen, undifferenziert eine ganze Branche in Verruf zu bringen. Natürlich gibt es auch in der Sicherheitswirtschaft unseriöse Unternehmen, die mit unqualifizierten Mitarbeitern und fragwürdigem Auftreten auffallen, aber sicherlich auch nicht mehr oder weniger als in anderen Branchen. Die zu einem hohen Prozentsatz reibungslose, effiziente und kompetente Arbeit der überwiegend gewissenhaft arbeitenden Sicherheitskräfte bleibt leider zumeist unberücksichtigt.

 

Wer einmal aufmerksam und zielgerichtet die kleinen Meldungen über Straftaten liest, dem wird auffallen, dass an der Verhinderung oder Aufdeckung sehr oft private Wachleute beteiligt sind. Das allerdings steht nur versteckt in einem Nebensatz.

Ganz genau, das registriert kaum jemand. Auf den ersten Blick verrichten Sicherheitsleute oftmals einfachste Tätigkeiten, die scheinbar jeder verrichten kann – im Normalfall. Bei Abweichungen vom Regelbetrieb zeigt sich jedoch erst die Qualität des eingesetzten Dienstleisters und seines Personals. Sei es, dass die Sicherheitsleute verhindern, dass sich ein Entstehungsbrand ausbreitet, sie eine Konfliktsituation im Foyer ihres Unternehmens entschärfen oder Erste Hilfe zugunsten eines kollabierten Konzertbesuchers bei einem Musikfestival leisten. Hier macht es dann einen Unterschied, ob die Beschäftigten über die entsprechenden fachlichen sowie sozialen Kompetenzen verfügen oder eben nicht.

 

Bei PISO-NRW schulen Sie jährlich bis zu 250 Teilnehmer. Was sind das für Menschen, die sich dafür entscheiden, in der Sicherheitsbranche zu arbeiten?

Den typischen Sicherheitsmitarbeiter gibt es schlicht nicht, die oftmals benannten Stereotypen, zum Beispiel der muskelbepackte Türsteher, der Rentner an der Pforte und der durch Hollywood bekannte Bodyguard, stellen kein reales Abbild des Gewerbes dar. Mittlerweile ist unsere Branche so vielschichtig, dass es für nahezu jeden interessierten Bewerber eine für ihn und seine persönlichen Anforderungen und Vorstellungen passende Stelle gibt. Der Bundesverband der Sicherheitswirtschaft (BDSW) hat unlängst eine Broschüre herausgebracht, in der er von rund 111 verschiedenen Tätigkeiten berichtet. Natürlich kommen auch viele Kandidaten zu uns als zertifizierter Sicherheitsschule, die entweder arbeitssuchend sind oder einen Wechselwunsch haben. Diese Interessenten haben jedoch unterschiedlichste schulische und berufliche Hintergründe, einen besonderen Trend kann man hier nicht ausmachen. Eine große Gemeinsamkeit haben jedoch die meisten: Sie verspüren den Wunsch, andere zu beschützen, sei es die Menschen selbst oder aber deren Sachwerte.

 

Warum gehen diese Interessenten nicht zur Polizei? Liegt das am unterschiedlichen Einkommensniveau?

Das kann unterschiedliche Gründe haben, wäre aber sicher auch reine Spekulation. Was ich jedoch sagen kann: Der Unterschied in den möglichen Einkünften ist gar nicht mal so hoch. Im gehobenen Dienst ist das Einstiegsgehalt bei der Landespolizei NRW derzeit zwischen 2.200 und 2.500 Euro im Monat anzusetzen. Bedingt durch Besoldungsstufen, ist das Einkommen hier jedoch fix und steigt nur über Alter, Dienstgrad und Familienstand. Anders in der Sicherheitswirtschaft. Hier ist die Entlohnung zwar auch tariflich geregelt, bemisst sich aber unter anderem an persönlicher Qualifikation und konkreter Tätigkeit. Ausgehend von der untersten Tarifgruppe in Nordrhein-Westfalen (derzeit 10,16 Euro pro Stunde) ist es durchaus üblich, ein monatliches Entgelt in Höhe von 2.500 Euro brutto zu erwirtschaften, zu dem noch steuerfreie Zulagen für Nachtschicht, Sonn- und Feiertagsarbeit kommen. So können Mitarbeiter regelmäßig bis zu 3.000 Euro monatlich verdienen. Als ich vor knapp 20 Jahren einstieg, betrug mein Stundenlohn noch magere 6,88 D-Mark.

 

Machen Sie doch mal richtig Werbung für den Beruf. Welche Pluspunkte gibt es noch?

Das Sicherheitsgewerbe bietet, unabhängig von der vorherigen Laufbahn, eine spannende berufliche Perspektive. Unsere Branche ist überaus offen für bildungsfreudige Menschen. Mit relativ geringem finanziellen und zeitlichen Aufwand kann man sich hier, als Berufsanfänger oder auch als Quereinsteiger und Branchenwechsler, eine nachhaltig gute und stabile Karriere aufbauen. Aufgrund des auch unsere Branche betreffenden Fachkräftemangels besteht eine relativ hohe Arbeitsplatzgarantie. Das führt dazu, dass Mitarbeiter auch bei Wechsel der Dienstleister oft übernommen werden und an „ihren“ Objekten verbleiben können. Auch wenn aus der Sicherheitswirtschaft sicherlich selten Milliardäre hervorgehen, so sind die Einkommensmöglichkeiten durchaus gut und orientieren sich zudem am Prinzip der leistungsgerechten Bezahlung. Wer bereit ist, mehr zu leisten als andere und in das eigene Fortkommen zu investieren, der wird hier im Regelfall auch belohnt.

 

Wie könnte die Karriereplanung aussehen, um mehr zu verdienen und aufzusteigen?

Durch regelmäßige und zielgerichtete Qualifizierung wachsen auch die Einsatz- und somit Verdienstmöglichkeiten. Neben abschlussorientierten Maßnahmen, etwa der Fachkraft oder dem Meister für Schutz und Sicherheit, gibt es noch eine Menge sinnvoller Zusatzqualifikationen, die einen weiterbringen können. Beispielsweise halte ich die Verknüpfung mit dem Themenfeld der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes für sinnvoll, so dass ich Seminare zum Erst-, Evakuierungs- und Brandschutzhelfer für unabdingbar halte. Wer sich in der „Mannschaft“ bewährt, wird auch recht schnell im Unternehmen erkannt; eine stufenweise Steigerung der Verantwortlichkeiten und Tätigkeiten könnten die Folge sein. Irgendwann ist man dann vielleicht nicht mehr operativ tätig, sondern strebt einen Wechsel in die Führungsetage an. Als Einsatz-, Objekt-, Bereichs- oder Niederlassungsleiter bei einem Bewachungsunternehmen werden oftmals die eigenen Mitarbeiter aufgebaut. Hier gibt es dann, abhängig von der Größe des Arbeitgebers, vielleicht auch schon ein fixes Gehalt plus Firmenwagen und weitere Vergütungen. Auch ein Wechsel in die Corporate-Security-Abteilung eines großen Konzerns wäre denkbar. Hierzu bieten viele deutsche Hochschulen Studiengänge für das Sicherheitsmanagement an.

 

Welche Qualifikationen kann man an Ihrer Schule erwerben?

Abschlussorientiert bieten wir für die Bewachungsbranche derzeit vor allem die Sachkundeprüfung gemäß § 34a GewO (IHK), die Geprüfte Schutz- und Sicherheitskraft (IHK), die Fachkraft für Schutz und Sicherheit (IHK) und den Meister für Schutz und Sicherheit (IHK) an. An Zusatzqualifikationen kann man bei uns die Waffensachkunde gemäß § 7 WaffG, Konflikt- und Deeskalationstrainings, interkulturelle Handlungskompetenz, einsatzbezogene Selbstverteidigung, Empfangskräfteschulungen, Englisch für Sicherheitskräfte, ein Seminar zum Datenschutzbeauftragten und die Vorbereitung auf die Ausbildereignungsprüfung (AEVO) buchen. Im Rahmen der Arbeitssicherheit bieten wir die Aus- und Fortbildung von Erst-, Evakuierungs- und Brandschutzhelfern sowie Betriebssanitätern und den Brandschutz- und Sicherheitsbeauftragten an.

 

Und die Förderungsmöglichkeiten?

Aus- und Weiterbildung wird in Deutschland aus verschiedenen Töpfen und sehr gerne gefördert. Arbeitsuchende können beispielsweise, je nach persönlichen Voraussetzungen, einen Bildungsgutschein (BGS) oder einen Aktivierungs- und Vermittlungsgutschein (AVGS) beantragen. Diese werden von der Agentur für Arbeit oder dem Jobcenter ausgegeben und stellen im Regelfall eine komplette Übernahme der Lehrgangskosten dar. Für Erwerbstätige gibt es weiterhin den „Bildungsscheck NRW“ oder die Bildungsprämie, die die halben Maßnahmekosten bis zu einer maximalen Höhe von 500 Euro abdecken. Diese werden von unterschiedlichen Beratungsstellen ausgegeben. Dann wären da noch BAföG und KfW-Darlehen (etwa für den Meister) für Privatpersonen und die Förderung über den Berufsförderungsdienst der Bundeswehr (BFD), der sich an ehemalige Soldaten richtet.

 

Das klingt doch alles wirklich cool. Woran liegt es, dass man so wenig über die positiven Seiten der Branche weiß?

Die private Sicherheitswirtschaft hat in Sachen Eigenmarketing ein großes Defizit. Wir müssen es schaffen, mit positiven Nachrichten in den Vordergrund zu treten – raus aus dem großen Schatten, in dem wir meiner Meinung nach zu Unrecht stehen. Oft fehlt es vielleicht auch am notwendigen Schulterschluss in der Branche. Jedes Unternehmen agiert für sich selbst, der Wettbewerb wird als schädliche Konkurrenz empfunden. Dies sieht man leider aber nicht nur auf Unternehmens-, sondern auch auf Personalebene – gut zu beobachten innerhalb von Gruppen in sozialen Netzwerken. Die Öffentlichkeit nimmt das Sicherheitsgewerbe zumeist schlichtweg nicht wahr, wenn wir unseren Job anständig machen. Die meisten Dinge passieren im Verborgenen und außerhalb der Wahrnehmbarkeit der Kunden.

www.piso-nrw.de

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